Metadata : Im alten Reichstag. Band I. (1)

Session  1874/75.  101

den  Betrag  von  66  000  Mark  an  Gründerprämien  erhalten  und
daneben  mit  Oder  und  Schuster  zusammen  sich  900  000  Mark
durch  geheimen  Vertrag  von  den  Baunnternehmern  ausbedungen
hatte.  Festgestellt  war,  daß  Wagener  als  Vorsitzender  des  Aufsichtsrats
überall  gegen  das  Gesetz  und  die  Konzessionsbedingungen  gehandelt,
und  im  öffentlichen  Gründungsprospekt  falsche  Angaben  gemacht  hatte.

Wagener  selbst  erzählt  in  seinem  „Erlebtes“  (Berlin,  R.  Pohl)
daß  die  gegen  ihn  eingeleitete  Disziplinaruntersuchung  nur  mit
einem  Verweis  geendigt  habe.  Wagener  hatte  darauf  seinen
Abschied  eingereicht  und  erhalten,  weil,  wie  er  erzählt,  er  nunmehr
  doch  seinen  Rückhalt  bei  den  Vorgesetzten  verloren  hatte.
Die  Mehrzahl  seiner  früheren  Parteigenofsen  ging,  wie  er  selbst
mitteilt,  ihm  fortan  aus  dem  Wege,  als  wenn  er  an  einer  ansteckenden
  Krankheit  litte.  Fürst  Bismarck  aber  blieb,  wie  Wagener
erzählt,  in  seinem  persönlichem  Verhältnis  zu  ihm  unverändert,  lud
ihn  wiederholt  nach  Varzin  ein  und  erteilte  ihm  auch  jene  Kommission
  nach  Eisenach.

Fürst  Bismarck  mochte  gegenüber  seinem  intimen  Berater  seit
1866  Gründe  genug  haben,  einen  persönlichen  Bruch  zu  vermeiden.
Wagener  hat  auch  über  sein  ganzes  Verhältnis  zu  Bismarck  in
seinem  „Erlebtes“  nichts  ausgeplaudert.

Aber  das  Schwergewicht  der  Entsendung  Wageners  nach
Eisenach  lag  nicht  bloß  in  dem  Versuch  des  Fürsten  Bismarck,
Wagener  vor  der  öffentlichen  Meinung  zu  rehabilitieren.  Es  wurde
damit  weithin  das  Signal  gegeben  in  der  Richtung  der  nunmehr
von  Wagener  eingeleiteten  Agitation.

Als  Sekretär  Wageners  erschien  in  Eisenach  zugleich  Rudolf
Meyer.  Derselbe  hatte  bis  Ende  1873  die  soziale  Wochenschrift
der  „Berliner  Revue“  redigiert.  Es  war  dies  ein  aus  Regierungsmitteln
  subventioniertes  Blatt,  welches  Wagener  dazu  gedient  hatte,
Fühlung  zu  erhalten  mit  der  Berliner  Sozialdemokratie.
Mitarbeiter  des  Blattes  war  auch  v.  Schweitzer  gewesen,  bis  1871
Präsident  des  sozialdemokratischen  „Allgemeinen  Deutschen  Arbeitervereins“,
  nach  Ansicht  Bebels  zugleich  ein  Stipendiat  des  Reptilienfonds.
  Diese  „Revue“  hatte  auch,  um  Wagener  zu  rächen,  zuerft
die  sich  später  wiederholenden  heftigen  Angriffe  auf  Lasker,
v.  Bennigsen  und  andere  Nationalliberale  gebracht  wegen  ihres
angeblichen  Verhaltens  bei  der  Gründung  von  Aktiengesellschaften.
Wagener  erwarb  damals  auch  die  „Deutsche  Reichskorrespondenz“.
Gar  bald  ließen  diese  Mittelsmänner  für  diejenigen,  welche  Augen
hatten,  zu  sehen,  deutlich  erkennen,  wohin  Fürst  Bismarck  steuerte.