Full text : Demokratie und Kaisertum.

sich  Deutschland  als  mächtiges  Kaiserreich  zu  denken  ohne  Industrie,
Industrie  ist  ummöglich  ohne  Droletariat.  Die  Neuzeit  kommt  imperialistischproletarisch.
  So  sehr  die  aufsteigenden  Mächte  der  Teuzeit  unter  sich  durch
lebhaft  empfundene  Interessengegensätze  und  auch  durch  daraus  folgende
Antipathien  getrennt  sind,  so  oft  sie  auch  bisher  politisch  sich  gegenüberstanden,
  sie  sind  doch,  weltgeschichtlich  angesehen,  ein  gemeinsames  Gewächs.
Es  ist  unmöglich,  im  gegenwärtigen  Seitpunkt  eins  dieser  Elemente  ohne
das  andere  zu  denken.  Wenn  eins  von  ihnen  krankt,  so  kranken  die  zwei
anderen  mit.  Dieser  Sachzusammenhang  ist  der  Grund,  weshalb  es  nicht
als  beliebige  und  willkürliche  politische  Kombination  hingestellt  werden
kann,  wenn  wir  für  unser  politisches  Drogramm  die  Überschrift  wählen:
„Demokratie  und  Uaisertum'“.

Demokratie  ist  politische  Herrschaft  des  Mehrheitsprinzips,  Kaisertum
ist  nationale  Herrschaft  des  einen.  Swischen  diesen  zwei  politischen
Drinzipien  gibt  es  keine  endgültige  formale  Aussöhnung.  Aber  im  Lauf
der  Geschichte  gibt  es  Herioden,  wo  die  2Macht  der  Verhältnisse,  die
Logik  der  wirklichen  Dinge  ein  Susammenwirken  der  zwei  Faktoren  nötig
macht.  Eine  absolute  Monarchie  ist  in  der  Segenwart  ebenso  unmöglich
wie  eine  absolute  Demokratie.  Zeide  Teile  protestieren  formell  gesen
jede  Abschwächung  des  in  ihnen  liegenden  natürlichen  Gegensatzes,  aber
sie  versteheen  sich  dazu,  einen  gemeinsamen  Weg  gemeinsam  zu  gehen.
Hat  nicht  die  bisher  herrschende  agrarische  Aristokratie  im  Grunde  ebenso
gehandeltd  Die  Monarchie  entstand  im  Kampf  mit  ihr,  machte  aber
dann  mit  ihr  gemeinsam  Geschichte.  Jetzt  bricht  die  Sicherheit  dieses
alten  Bodens.  Die  Wirtschaftsführung  kommt  in  die  Hand  der  industriellen
Aristokratie.  Diese  aber  hat  keine  eigene  Massenwirkung.  Der  Kaiser  führt
die  Nation  als  Diktator  der  neuen  Industrie.  Indem  er  aber
dieses  tut,  braucht  er  die  Masse,  die  Demokratie.  Das  ist  der  Entwickelungsgang,
  den  unsere  deutsche  Geschichte  gehen  wird.  Eins  nur
läßt  sich  nicht  vorhersagen:  mit  welchen  Gwischenstufen,  über  welche
Dindernisse  dieser  Weg  gegangen  werden  wird.  zZetzt  ist  zwischen  Kaisertum
  und  Demokratie  noch  volle  Spannung  auf  beiden  Seiten.  Es  ist
denkbar,  daß  diese  gegensätzliche  Spannung  noch  größer  wird,  ehe  sie  sich
löst.  Wünschenswert  ist,  daß  bald  die  beiderseitige  Interessengemeinschaft