Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Venisches  Reich.  (Mai  15.—16.)  585

mobilen  und  Dampfpflüge,  der  heimischen  Landwirtschaft  zuzuführen,  b)  alle
irgendwie  entbehrlichen  Pferde  und  Zugtiere  in  den  besetzten  Gebieten  möglichst
  restlos  der  heimischen  Landwirtschaft  zur  Verfügung  zu  stellen.

Nachdem  Vertreter  der  Parteien  wiederum  eine  Reihe  Wünsche  und
Beschwerden  geäußert  und  verschiedene  Regierungsvertreter  dazu  Stellung
genommen  haben,  erklärt  der  preuß.  Kriegsminister  General  v.  Stein:  Was
die  Leute  an  der  Front  zu  tun  und  zu  lassen  haben,  darüber  hat  kein
Kriegsminister  zu  bestimmen,  sondern  der  Truppenkommandeur.  Dieser  allein
kann  entscheiden,  ob  er  die  Leute  entbehren  kann  oder  nicht.  Der  Kriegsminister
  ist  sehr  wohl  in  der  Lage,  Beschwerden,  wenn  sie  an  ihn  kommen,
zu  untersuchen  und,  wenn  er  von  seinem  Standpunkte  aus  die  Sache  für
gerechtfertigt  hält,  den  Truppenkommandeuren  Ratschläge  zu  geben.  Aber
er  wird  sich  sehr  hüten,  in  deren  Machtbefugnis  einzugreifen.  Ich  möchte
überhaupt  allgemein  für  meinen  Standpunkt  zu  dieser  Sache  sagen  —  die
Frage  ist  ja  in  den  letzten  Tagen  mehrere  Male  berührt,  daß  man  dem
preuß.  Kriegsminister  ein  Geschenk  mit  der  Erweiterung  seiner  Macht
machen  wollte  —:  Dieses  Dangergeschenk  lehne  ich  ab.  Meine
Machtbefugnis  ist  genügend.  Sollten  Schwierigkeiten  entstehen,  so  erledigen
sie  sich  auf  das  einfachste  durch  den  Allerhöchsten  Befehl  meines  Kriegsherrn,
  der  mich  an  diese  Stelle  berufen  hat.  (Unruhe  b.  d.  Soz.,  Zuruf:
Unerhört!)

Abg.  Scheidemann  (Soz.):  Der  Kriegsminister  sprach  von  einem
Dangergeschenk.  Ich  möchte  daran  erinnern,  es  handelt  sich  nicht  darum,
dem  jeweiligen  Kriegsminister  neue  Rechte  einzuräumen  und  Geschenke  darzubringen.
  Für  uns  handelt  es  sich  darum,  der  deutschen  Volksvertretung
ihre  verfassungsmäßigen  Rechte  zu  sichern.  Der  Verfassungsausschuß,  auf
den  diese  Bemerkungen  abzielten,  scheint  meines  Erachtens  auf  dem  richtigen
Wege  zu  sein.  Das  Auftreten  des  Kriegsministers  kann  uns  nur  bestärken,
auf  diesem  Wege  weiterzuschreiten.

Abg.  Dr.  Müller-Meiningen  (Fortschr.  Vp.):  Auch  wir  bedauern  die
Tonart  ungemein,  die  der  preuß.  Kriegsminister  anzuschlagen  für  gut  findet;
sie  scheint  uns  das  schlechteste  Mittel,  ein  gedeihliches  Zusammenarbeiten
zwischen  Verwaltung  und  Parlament  herbeizuführen.  Er  kennt  die  Geschichte
der  Kämpfe  um  das  Militärkabinett  nicht,  sonst  könnte  er  nicht  von  einem
Dangergeschenk  reden.  Immer  hat  das  Militärkabinett  die  Schwierigkeiten
gemacht,  auch  den  Kriegsministern.  Davon  weiß  er  nichts.  Durch  seine
heutige  Antwort  muß  er  uns  die  Zusammenarbeit  unendlich  erschweren,
gerade  in  einer  solchen  Kriegszeit  hätte  das  nicht  geschehen  sollen.  Der
Weg  des  Rechtes,  den  wir  allein  für  den  richtigen  halten,  wird  von  uns
auch  gegenüber  der  Armee  und  der  Heeresverwaltung  weitergegangen  werden.

Abg.  Dr.  Cohn-Nordhausen  (U.  Soz.):  Der  Antrag  Nehbel  mildert  die
Kommissionsfassung  dahin  ab,  daß  die  „dort  entbehrlichen“  Maschinen  usw.
zurückgeführt  werden.  Wer  hat  nun  darüber  zu  entscheiden?  Weshalb  sind
denn  die  Maschinen  in  die  besetzten  Gebiete  hingebracht  worden?  Doch
weil  man  sie  für  nötig  gehalten  hat,  um  der  Bevölkerung  zu  ermöglichen,
auch  im  Interesse  der  Heeresverwaltung  zu  säcn  und  zu  ernten.  Dann
muß  man  doch  die  Maschinen  da  lassen;  es  liegt  eventuell  auch  in  der
Zurückschaffung  schon  eine  „Ausraubung“.

Abg.  Kreth  (Kons.):  Der  Abg.  Cohn  ist  landwirtschaftlich  nicht  genügend
  vorgebildet,  um  die  Tragweite  unseres  Antrages  übersehen  zu
können.  Es  sollen  doch  die  Maschinen  nur  dort  fortgenommen  werden,  wo
sie  nicht  mehr  gebraucht  werden,  und  dort  verwendet  werden,  wo  sie  gebraucht
  werden,  nämlich  bei  uns  infolge  des  späten  Eintritts  des  Frühjahrs
  zur  Frühjahrsbestellung.  Sollen  wir  etwa  unsern  Acker  unbestellt