Full text : Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands.

In

dort  dienten  sie  ehrenvoll  dem  Könige.  Es  blieb  nichts  übrig,  als  die  ältesten  Jahrgänge  zu  befehlen,  und  noch
dann  bat  so  mancher  flehentlich,  ihn  an  Stelle  jüngerer  Verheirateter  mitzunehmen.  Auch  Freiwillige  meldeten
sich  in  Menge,  in  erster  Reihe  die  akademische  Jugend.

JFür  Frankreich  war  der  Kampf  ein  von  wilder  Leidenschaft  erzwungener  Kabinettskrieg,  für  Deutschland
ein  echter  Volkskrieg.  Wieder  brach  der  Sturm  los,  das  Volk  stand  auf,  doch  nicht  wie  1813  das  preußische
allein,  sondern  das  gesamte  deutsche!

Am  19.  Juli,  dem  Sterbetage  der  Königin  Luise,  begab  sich  König  Wilhelm  nach  Charlottenburg  zu  den
Grabstätten  seiner  Eltern,  an  denen  er  im  stillen  Gebet  verweilte.  So  vereinigten  sich  in  seiner  Person  die  alte
und  die  neue  Zeit;  mit  dem  Kampfe  gegen  den  bösen  Erbfeind,  den  er  als  Jüngling  hatte  beginnen  helfen,  sollte
er  das  Werk  seines  Lebens  krönen.  Dieselbe  Auszeichnung,  die  der  König  von  den  Befreiungskriegen  her  auf
der  Brust  trug,  das  Eiserne  Kreuz,  bestimmte  er  den  Tapferen  des  bevorstehenden  Kampfes.

Nach  dem  Gottesdienste  eröffnete  der  König  den  schleunigst  versammelten  norddeutschen  Reichstag  mit  einer
Thronrede,  die  er  mit  tiefem,  an  einigen  Stellen  von  innerer  Bewegung  durchbrochenem  Ernst  las.  Nur  dem
Gebote  der  Ehre  und  Pflicht  gehorchend,  hätten  die  verbündeten  Regierungen  die  außerordentliche  Sitzung  einberufen.
  Früher  habe  Deutschland  infolge  seiner  Zerrissenheit  Vergewaltigungen  hinnehmen  müssen;  jetzt  trage
es  in  sich  selbst  den  Willen  und  die  Kraft  der  Abwehr.

„Je  mehr  die  verbündeten  Regierungen  sich  bewußt  sind,  alles,  was  Ehre  und  Würde  gestatten,  gethan  zu
haben,  um  Europa  die  Segnungen  des  Friedens  zu  bewahren,  und  je  unzweideutiger  es  vor  aller  Augen  liegt,
daß  man  uns  das  Schwert  in  die  Hand  gezwungen  hat,  mit  um  so  größerer  Zuversicht  wenden  wir  uns,  gestützt
  auf  den  einmütigen  Willen  der  deutschen  Regierungen  des  Südens  wie  des  Nordens,  an  die  Vaterlandsliebe
und  Opferfreudigkeit  des  deutschen  Volkes  mit  dem  Aufrufe  zur  Verteidigung  seiner  Ehre  und  seiner  Unabhängigkeit.

„Wir  werden  nach  dem  Beispiele  unserer  Bäter  für  unsere  Freiheit  und  unser  Recht  gegen  die  Gewaltthat
fremder  Eroberer  kämpfen  und  in  diesem  Kampf,  in  dem  wir  kein  anderes  Ziel  verfolgen,  als  den  Frieden
Europas  dauernd  zu  wahren,  wird  Gott  mit  uns  sein,  wie  er  mit  unsern  Bätern  war.“

Zu  Beginn  der  Sitzung  teilte  Bismarck  mit,  soeben  sei  die  französische  Kriegserklärung  übergeben  worden.