Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

75]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  501

sogen.  „Buden‘.  Als  aber  der  Wohnungsmangel  immer  drückender
wurde,  setzte  man  den  Buden  noch  verschiedene  Stockwerke  oder
„Sähle“!)  auf,  sodaß  aus  ihnen  vier-  und  fünfstöckige  Häuser  wurden.
Uebrigens  besteht  zwischen  der  Bude  und  den  aufgesetzten  Sählen  keine
Verbindung,  da  eine  Treppe  direkt  vom  Hof  in  das  erste  Stockwerk  führt.
Die  so  auf  einem  Hofraum  erbauten  Hinterkäuser  bilden  zusammen
einen  Wohnhof.  Zugünglich  ist  derselbe  durch  einen  Eingang  neben  dem
Vorderhause  oder  durch  einen  Thorweg  in  demselben.  Die  einzelnen
Gebäude  dieser  Wohnhöfe  stehen  zuweilen  so  nahe  aneinander,  daß  die
geöffneten  Fensterflügel  zweier  gegenüber  liegenden  Häuser  sich  berühren.
  Die  Bewohner  der  Wohnhöfe  gehören  meist  dem  Stande  der
kleinen  Gewerbtreibenden,  der  Händler,  Handwerker  und  Handarbeiter
an.  Noch  jetzt  vertreten  ist  der  Typus  hauptsächlich  im  Jakobikirchspiel
  zwischen  der  Spitaler-  und  der  Niedernstraße  und  im  St.  Michaeliskirchspiel,
  im  sogen.  Gängeviertel  oder  Labyrinth  ?).  Dies  bedeutet  für
die  betreffenden  Stadtteile  natürlich  eine  außerordentliche  Uebervölkerung
und  gesundheitsschädliche  Zusammendrängung  der  Bewohner,  die  sich
bei  auftretenden  ansteckenden  Krankheiten  schon  öfter  bitter  gerächt
hat.  Ein  kleiner  Wandel  zum  Besseren  ist  zwar  eingetreten,  nachdem
seit  den  achtziger  Jahren  strengere  baupolizeiliche  Gesetze  durchgeführt
worden  sind.  Allein  der  Wohnhof  hat  einen  modernen  Nachfolger  erhalten
  ın  der  „Terrasse‘.  Die  Terrassen  sind  reine  Kasernen  von
Etagenhäusern,  die  an  Stelle  früherer  Wohnhöfe  erbaut  wurden  und
in  der  Ausnützung  des  Baubodens  bis  an  die  äußerste  Grenze  des  Erlaubten
  gehen,  so  daß  sie  sich  von  ihren  Vorgängern  meist  nur  durch
etwas  weitere  Höfe  unterscheiden).  —  Den  Hamburger  Wohnhöfen
ähnliche  Gebilde,  gleichsam  kleinere  Exemplare  derselben,  sind  die
Gänge  und  Höfe,  die  in  manche  Häuserquartiere  Lübecks*)  und  in
viele  der  Bremer  Neustadt  hineinführen  >).

Endlich  haben  wir  noch  einen  Haustypus  zu  besprechen,  der  der
neuesten  Zeit  angehört.  Es  ist  das  Bremer  Einfamilienhaus.  Dasselbe
  ist  eine  verkleinerte  Nachbildung  des  englischen  oder  amerikanischen
  Einfamilienhauses,  findet  sich  in  allen  Vorstädten  Bremens  fast
alleinherrschend  und  ist  zum  Teil  sogar  in  den  die  Stadt  umgebenden
Dörfern  zu  finden.  Man  ist  überrascht,  wenn  man  zum  erstenmal  in
eine  jener  Vorortstraßen  tritt  und  dort  auf  beiden  Seiten  immer  und
immer  wiederholt  dasselbe  einstöckige  Haus  sieht.  .Drei  Fenster  im
ersten  Stock,  zwei  Fenster  und  die  Hausthür  im  Erdgeschoß,  eine  reich
mit  Blumen  geschmückte  Glasveranda,  in  die  man  auf  einer  Zementtreppe
  gelangt,  endlich  ein  eisenumgittertes  Miniaturgärtchen  sind  die
konstanten  Merkmale  des  Bremer  Familienhauses.  So  schön  das  einzelne
Bild  eines  solchen  Gebäudes  ist,  so  ermüdet  doch  die  zu  häufige  und
zu  genaue  Wiederholung  desselben.

ı)  Mit  „bh“  geschrieben  zum  Unterschied  von  Saal,  Säle.

*)  Hamburg  und  seine  Bauten,  S.  557.

®)  Hamburg  und  seine  Bauten,  $.  658.

2)  Geogr.  Gesellschaft  Die  Freie  und  Hansestadt  Lübeck,  8.  175.
°)  Buchenau,  Bremen,  S.  143.