Volltext: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Zweiter Band. (2)

90 Der Feldzug im Westen vom 12. Sept. bis 15. Nov. 1914 
den Platz verteidigen und im Falle der Not nach Ostende zu entkommen 
trachten. Die Alliierten hatten sie zum drittenmal im Stich gelassen. 
Der König der Belgier war gesonnen, trotzdem seine Pflicht zu tun und die 
Festung bis zum Uußersten zu halten, zugleich aber den Abzug der Feldarmee 
zu sichern, auf den auch England den größten Wert legte. Winston Churchill 
verließ die Stadt, sobald er sich von der Sachlage überzeugt und dem König 
und dem belgischen Stabschef de Guise in der Person des Generals Paris 
einen Berater gestellt hatte, der bald auf die Leitung der Verteidigung und 
der zu ergreifenden Maßnahmen bestimmenden Einfluß gewann. 
Der Fall der Nethelinie 
VWährend sich dies in den Mauern der umstürmten Stadt zutrug, drang 
der deutsche Angriff über die Trümmer der Nethefesten zu dem Wassergürtel 
der großen Festung vor. General v. Beseler wußte, daß seine Sereitkräfte 
troß der Niederkämpfung der Necbeforts kaum zu einem gewaltsamen Angriff 
auf die Nethefront reichten und daß er sein Sturmkorps nicht zugunsten des 
Angriffs auf Termonde schwächen durfte, da er sonst Gefahr lief, um den 
Erfolg betrogen zu werden. Die 37. Landwehrbrigade war also zunächst 
auf sich selbst angewiesen, als sie am 3. Oktober den Angriff auf Termonde 
wieder aufnahm, war aber zugleich benachrichtigt worden, daß bayerische 
Ersatztruppen im Eilmarsch heranstrebten. 
Der 4. Oktober sah den Kampf in Antwerpen zum Gipfel steigen. Vort 
Duffel war am Abend des 3. Oktober von den Belgiern aufgegeben worden 
und kurz darauf in die Luft geslogen. Die Verteidigung war also auf die 
Rethesicherung beschränkt worden. Die 1., 2. und 5. belgische Division 
bielten die rechtsufrigen Flußdämme der Großen Neche von der Mündung 
in die Rupel bis Lier und die der Kleinen Nethe von Lier bis Broechem be- 
sest. In der Frühe des Tages erreichte die 1. britische Marinebrigade die 
Walstatt. Sie wurde von General Paris sofort nach Lier vorgeführt, wo#“ 
die 5. Division dem Angestüm der Deutschen zu erliegen drohte. Der Kampf 
um die Netheübergänge tobte den ganzen Tag. Schwere und leichte deutsche 
Batterien Überschütleten Duffel und Lier und die Dämme und Dörfer des 
rechten Afers mie Schrapnellen, während die Belagerungsgeschütze den 
rückwärtigen Raum bis Contich unter Feuer nahmen. Die belgische Artillerie 
vereinigte ihre Anstrengungen zur Abwehr des Sturmangriffs und fegte 
die Anmarschstraßen und die Böschungen des linken Ifers, um der deutschen 
Infanterie das Vorrücken Über das nackte Vorland unmöglich zu machen. 
Alle Deiche und Gehöfte des Geländes, das sich zwischen der Nethe und dem 
Kranz der alten Innenfesten ausdehnte, waren mit Feldgeschützen und 
Maschinengewehren gespickt, auf den schönen Ringstraßen waren Panzer--