Malets Toast. Prokeschs Abschiedsrede und Bismarcks Antwort. 75
Rede gerade genau zu entsinnen, über das Aufsehen und die Übertreibungen, deren Gegen=
stand dieselbe geworden, in einer Privatkonversation sein lebhaftes Bedauern ausgedrückt,
mit der in der Wahrheit begründeten Versicherung, daß ihm bei seiner ganzen Denkungs=
weise absichtliche und überlegte Beleidigungen einer fremden Regierung oder gar eines
befreundeten Souveräns sehr fern liegen.
Eine Aufnahme und Verfolgung der Sache von unserer Seite könnte, wenn über=
haupt ein Resultat, nur das eines Wechsels in der Person des hiesigen englischen Ge=
sandten zur Folge haben, eine Eventualität, die ich als eine wünschenswerte a priori nicht
betrachte, und erscheint mir der Vorfall, wenn die auswärtigen Zeitungsberichte genau
sind, was sich nicht mehr feststellen lassen möchte, mehr in dem Lichte einer augenblicklichen
und inter pocula begangenen Unvorsichtigkeit, über die man einem im übrigen wünschens=
werten Kollegen hinweghelfen sollte. Natürlich nehme ich dabei an, daß keine wirklichen
Beleidigungen gegen die Allerhöchste Person vorgekommen sind, sondern der Tatbestand
sich auf dasjenige reduziert, was namentlich in der Norddeutschen Zeitung als Äußerung
Sir Alexander Malets wiedergegeben ist.
86. Bericht vom 26. Oktober 1855 an König Friedrich Wil=
helm IV., betr. die Abberufung Prokeschs, Entstellungen über dessen
Mission nach Paris, Vollziehung des Artikels XIV der Bundesakte wegen
der fürstlichen und gräflichen Häuser, im besonderen der preußischen Standes=
herren. — Vgl. Poschinger II Nr. 145 u. 146, sowie Neue Berichte S. 211 ff.
Die Schlußstelle lautet:
Nachdem sämtliche Gegenstände der Tagesordnung erledigt waren, zeigte Freiherr
von Prokesch seine Abberufung und Ersetzung durch den Grafen Rechberg an. Er ver=
las dabei eine Abschiedsrede, in welcher er die Hoffnung aussprach, daß das wohlwollende
Vertrauen, dessen er sich während seiner mehrjährigen hiesigen Amtstätigkeit allseitig zu
erfreuen gehabt habe, ihm auch in der Ferne gesichert bleiben möge. Ich konnte auf
diesen, seiner Stilistik nach sich mehr in dem Gebiete des Gefühls, als in dem der Ge=
schäfte bewegenden Vortrag, wenn ich nicht einer zur Heiterkeit geneigten Stimmung der
Versammlung neue Nahrung geben wollte, nur mit dem kurzen Ausdruck meiner Über=
zeugung antworten, daß die Glückwünsche der Versammlung den Freiherrn von Prokesch
an seinen neuen Bestimmungsort¹) geleiteten.
Seine Abreise ist dem Vernehmen nach erst auf den 8. November angesetzt, so daß
die Einführung des Grafen Rechberg, dessen Ankunft man in diesen Tagen entgegen
sieht, in der nächsten Sitzung durch ihn wird erfolgen können.²)
87. Vertraulicher Bericht an Minister v. Manteuffel.
[Ausfertigung.] 29. Oktober 1855.
Der englische Gesandte hat mir mit der ihm eigenen Offenheit ganz vertraulich
mitgeteilt, daß Lord Clarendon ihm in einem Privatschreiben wegen seiner Äußerungen
¹) Konstantinopel.
²) Die Abschiedsrede Prokeschs im Wortlaut bei Poschinger II S. 264 Anm. 1. Ebenda auch Bis=
marcks Antwort