422 Bismarck lehnt ab.
Lande haben werde, wenn sie mit der Abtretung eines so großen Teiles des
Landes beginne. Endlich aber erklärte er: „Wir sind darüber nicht im Zweifel,
daß wir keins dieser Programme ohne die aufrichtige und volle Mitwirkung
Frankreichs werden verwirklichen können, und wir wünschen daher dringend,
daß es E. E. fortgesetzten Bemühungen gelingen möge, ein definitives Einverskändnis
über diese Mitwirkung herbeizuführen. Namentlich würde dasjenige
zu 3) (preußische Annexion) nach dem Willen des Königs niemals
durch unsere eigene Initiative in Vorschlag zu bringen, sondern die Anregung,
wenn nicht aus den Herzogtümern, so von Frankreich abzuwarken sein.“1
Hiermit war der französische Vorschlag, indem man ihn scheinbar annahm,
im wesentlichen abgelehnt. Sein Kern war ja gewesen, daß Frankreich und
Preußen gemeinsam die Teilung Schleswigs und die Befragung der Bevölkerung
beantragen sollten; Preußen aber erklärte, daß es zunächst die Personalunion,
bei deren Scheitern die Errichtung eines selbständigen Staates vorschlagen
werde, und daß es die Befragung der Bevölkerung erst in einem
späteren JZeitpunkte für wünschenswert halte.: Frankreich hatte sich nur verpflichten
wollen, der Annexion zuzustimmen, wenn die Bevölkerung sie begehren
werde; Preußen aber verlangte, daß Frankreich sie seinerseits in Vorschlag
bringe. Unter diesen Umständen kam das geplante Abkommen nicht
zustande. Napoleon äußerte zwar, daß er nichts dagegen habe, wenn Preußen
erst die Personalunion und dann die Errichtung eines selbständigen Herzogtums
beantrage, und erst nach deren Scheitern auf die Befragung der Bevölkerung
zurückkomme. Da er aber natürlich gegen diese Vorschläge stimmen
mußte, — denn sie sollten ja scheitern — und da er nicht die geringste Neigung
zeigte, die preußische Annexion von sich aus zu beantragen, so war an ein
gemeinsames Auftreten beider Mächte auf der Konferenz nicht zu denken.
Trotzdem war es natürlich für Bismarck wertvoll, die Absichten der französischen
Regierung ungefähr zu kennen; da aber bestimmte Verabredungen nicht
getroffen waren, konnte er niemals sicher sein, daß Napoleon wirklich diesen
Gang innehalten werde; in der Tat ist ja auch Frankreich später dem preußi-1
Dleser wichtige Gatz ist bei Sybel 3, 303 fortgelassen. Er war offenbar hervorgerufen
durch des Königs Schreiben an Bismarck vom 16. April (Anh. z. d. Ged. u. Er.
1, 108 f.), worin Wilhelm auch die ausdrückliche Erklärung verlangte, daß man keine Grenzrektifikation
am Rhein zugestehen werde, und betonte, daß Frankreich eigentlich nichts biete,
da die Volksabstimmung ohne Zweifel für Augustenburg auosfallen würde.
: Tel. Talleyrands v. 16. April Nr. 433.
* Nach Sybels Angaben (3, zoz) hat König Wilhelm bald darauf auodrücklich erklärt, daß
er keinen von Deutschen bewohnten Bezirk Schleswigs herausgeben werde. Es wird daher
wohl auf Bismarcks dringenden Wunsch gescheben sein, daß eine so konziliante Fassung ges
wählt wurde, die wenigstens die Möglichkelt zuließ, äußerstenfallo die Schleilinie als Grenze
#Iu akseptleren.