Full text : Dokumente aus den russischen Geheimarchiven.

—  16  —

VII.  Österreich-Ungarn.

Die  innere  Lage  Österreichs  und  die  Lage  der  russischen  Kriegsgefangenen.
Auf  den  Namen  Neratuws.

Geheimtelegramm  des  Bevollmächtigten  in  Bern
vom  13.  Oktober  1917.  Nr.  781.
Nachrichten  aus  Österreich-Ungarn.

Der  verhältnismäßige  Mißerfolg  des  U-Boot-Krieges,  der  Hunger  und  die
in  den  Finanzkreisen  der  Monarchie  stetig  zunehmende  Beunruhigung  bezüglich
der  wirtschaftlichen  Aussichten  nach  dem  Kriege  verleihen  der  antideutschen
Stimmung  in  den  Hofkreisen  eine  starke  Unterstützung.  Auf  einen  Verrat
Österreichs  aber  zu  bauen,  wäre  falsch,  da  die  Verwaltung  des  Heeres  in  den
Händen  Deutschlands  konzentriert  ist.  Insbesondere  sind  unlängst  250  000
deutsche  Rekruten  nach  Ungam  geschickt  worden,  was  eine  neue  Waffe
Deutschlands  diesem  Lande  gegenüber  bedeutet.  Im  Frühjahr  wird  eine  Versehärfung
  der  Hungersnot  erwartet.  Der  Verpllegungsdiktator,  General  Höfer,
erklärte  dem  Verptlegungsrat.  daß  man  mit  einem  Defizit  von  6  Millionen  Kilogramm
  Weizen  reclınen  müsse,  was  den  Mangel  an  Lebensmitteln  für  einen
Monat  bis  zur  nächsten  Ernte  bedeutet.  Die  Berechnungen  des  Generals  sind
absichtlich  optimistisch.  Die  normale  Ernte  ist  130  Millionen.  In  diesem
Jahre  aber  sind  nur  70  bis  80  Millionen  geerntet  worden.  Der  Hunger  wäre
schon  in  diesem  Jahre  eingetreten,  wenn  die  rumänische  Ernte  das  Land  nicht
rerettet  hätte.  Trotzdem  war  die  Unterernährung  eine  Zeitlang  sehr  groß,  und
an  vielen  Stellen  sind  Verptlegungsunruhen  vorgekommen.  Tu  den  Hospitälern
starben  die  Verwundeten  vor  Erschöpfung.  Der  Nachrichtenagent  zieht  den
Schluß,  daß  Österreieh  sich  noch  ein  ‚Jahr  halten  könne;  wenn  jedoch  Schwierigkeiten
  entstehen  sollten,  go  kann  das  Ende  auch  früher  eintreten.  Die  Lage
‚ler  Kriegsgrefangenen,  besonders  der  russischen.  ist  eine  schreckliche.  Sie  sterben
  vor  Hunger.  Eine  Ausnahme  bilden  die  Gefangenen,  «ie  zu  Feldarheiten
verwandt  werden.  In  den  Lagern  aber  gehen  sie  an  einem  langsamen  Tode
zugrunde.  Im  Lager  Wegscheidt  in  Niederösterreich  werden  täglich  40  Todesfille
  an  Hunger  konstatiert.

(Iswestija  vom  24.  November  1917.)