Metadata : Die Gebrechen und Sünden der Sittenpolizei aller Zeiten, vorzüglich der Gegenwart.

—  82  —

gestehen,  daß  sie  sich  in  unerlaubter  Absicht  nach  jener  Passage
begeben  habe.  In  der  Kammer  wurde  Andrieux  darüber
interpelliert,  gab  aber  eine  Rede  zum  besten,  in  welcher  er
sich  so  geschickt  zu  reinigen  und  Frau  Eyben  zu  beschmutzen
verstand,  daß  ihm  großer  Beifall  zu  teil  wurde!  Die  Lügen,
welche  er  ausgestoßen  hatte,  wurden  aber  durch  die  gerichtliche
Untersuchung  entlarvt.  Das  Gericht  wagte  zuerst  nicht,  gegen
den  mächtigen  Andrieux  einzuschreiten;  aber  der  Justizminister,
an  den  die  Sache  gelangte,  sprach  sich  gegen  eine  Verfolgung
der  Frau  Eyben  aus.  Diese  wandte  sich  dann  an  die  Kammer,
und  diese  setzte  einen  Ausschuß  nieder.  Ohne  den  Bericht
derselben  abzuwarten,  gab  am  16.  Juli  Andrieux  dem  Ministerium
  seine  Entlassung  ein!  Ihm  folgte  als  Polizeipräfekt
Herr  Camescasse,  welcher  aber  mehr  darauf  bedacht  war,
einen  Sitz  in  der  Kammer  zu  erlangen,  als  die  Sittenpolizei
zu  verbessern.  Während  er  auf  Wahlreisen  abwesend  war,
setzten  seine  Beamten  die  Verfolgung  und  grundlose  Einsperrung
  anständiger  Frauen  fort.  Camescasse  ordnete  auf
die  Beschwerden  der  Zeitungen  hin  telegraphisch  Untersuchungen
  an.  Er  wollte  sogar  die  schuldigen  Polizisten  absetzen,
  wurde  aber  durch  einen  einflußreichen  Polizeibeamten,
Maé,t  welcher  abzudanken  drohte,  daran  verhindert.  Bald
war  Camescasse  genau  das,  was  Andrieux  gewesen  war,  und
die  Regierung  schützte  auch  ihn,  so  verwerflich  die  Execesse
seiner  Polizistenbanden  waren,  gegen  die  Beschwerden  der
Stadtbehörde.  Der  Streit  zwischen  dieser  und  der  Polizeipräfektur
  führte  endlich  (1884)  zur  Verweigerung  des  Budgets
  derselben.  Zwar  war  schon  vorher  die  frühere  „Sittenbrigade“"
  wiederhergestellt  worden,  aber  auch  ihre  Wut  gegen
alleingehende  ehrbare  Frauen  war  wieder  nicht  nur  die  nämliche,
  sondern  die  Razzien  auf  Nichtprostituierte  (räflfes)  wurden
immer  toller.  Auch  nach  dem  Rücktritte  Camescasse's  wurde
es  nicht  besser,  und  man  darf  sagen,  daß  noch  nirgends  eine
so  empörende  Sklaverei  der  Prostituierten  und  noch  nirgends