Frũhjahrs-Sesfion 1871. 13
Auch ich war bei den Neuwahlen als Vertreter für
Schwarzburg-Rudolstadt in den Reichstag gewählt worden.
Dem ersten, konstituierenden Norddeutschen Reichstag im Winter
1867 hatte ich als Vertreter für Nordhausen angehört*). Bei den
ersten ordentlichen Reichstagswahlen im Herbst 1867 hatte ich in
Solingen kandidirt, war aber in der Stichwahl gegen Georg
v. Bunsen, damals nationalliberal, durchgefallen. In Nordhausen
wurde ich damals nicht wiederaufgestellt, weil man nicht glaubte,
mich gegenüber den Konservativen noch einmal durchbringen zu
können. Aber auch mein N achfolger in der Kandidatur unterlag
daselbst den Konservativen. Wie vier Jahre vorher in Nordhausen,
so hatte mich auch diesmal in Schwarzburg-Rudolstadt Schulze-Delitzsch
zum Kandidaten empfohlen. Ich selbst aber hatte es 1871
in erster Reihe auf das Mandat für Bielefeld-Wiedenbrück abgesehen
und dort auch eine große Zahl von Wahlreden gehalten.
Aber in diesem westfälischen Wahlkreis fiel ich glänzend durch. Die
Katholiken, welche den Wiedenbrücker Kreis beherrschen, hatten
zwar 1867 die Wahl von Waldeck unterstützt, diesmal aber den
freikonservativen katholischen Landrat Duesberg in Wiedenbrück einem
Fortschrittsmann vorgezogen. Auch in Schwarzburg-Rudolstadt,
welches ich erst wenige Tage vor dem Wahltermin bereist hatte,
war ich nur mit einer Mehrheit von 19 Stimmen gewählt worden;
die Unterherrschaft Frankenhausen hatte bei der Kürze der Zeit von
meiner Kandidatur vor der Wahl überhaupt nichts erfahren. In
der Residenzstadt Rudolstadt aber warnten große Plakate vor der
Wahl eines so „gänzlich fremden hervorragenden Mitgliedes der
Fortschrittspartei“ mit der bangen Frage: „Was wird aus der
Residenz Rudolstadt werden, wenn das Programm des Herrn
Richter durchgeführt wird?“
, Im deutschen Reichstag habe ich die schweigsame Rolle, welche
ich 1867 im konstituierenden Norddeutschen Reichstage spielte, nicht
fortgesetzt, sondern bereits in dieser ersten Session 15 mal das
Wort ergriffen, freilich nicht zu Haupt= und Staatsreden, sondern
wie es sich für ein neues, junges Mitglied geziemt, bei Gelegenheiten,
wo sonst kein besonderer Andrang von Rednern stattfand.
Parlamentarisch und rednerisch unerfahren aber war ich bei meinem
diesmaligen Eintritt in den Reichstag nicht mehr. Im preußischen
*) Jugend-Erinnerungen von Eugen Richter (1838— 1871). Zu
beziehen für 1,50 M. durch alle Buchhandlungen und durch die Expedition
der Freifinnigen Zeitung (Verlag Fortschritt, Aktiengesellschaft), Berlin 1892
SW., Zimmerstr. 8.