Full text : Das Staatsrecht der Preußischen Monarchie. Ergänzungsband. Das Recht der Kommunalverbände in Preußen. (4)

434  Vierter  Abschnitt.  (8.  129.)

wieder  in  Kraft,  und  so  herrschte  in  ganz  Preußen  das  ständische  Prinzip,  als  die
Gebietserweiterungen  im  Jahre  1866  erfolgten.  Auch  die  neu  erworbenen  Provinzen
sollten  eine  ständische  Verfassung  erhalten.

Zunächst  wurde  das  Gebiet  des  vormaligen  Königreichs  Hannover  durch  Verordnung
  v.  22.  Ang.  1867  (G.  S.,  S.  1349)  zu  einem  provinzialständischen  Verbande  erklärt
und  mit  einer  Verfassung  beliehen,  die  sich  zwar  eng  an  die  der  alten  Provinzen
anschloß,  jedoch  in  einzelnen  Punkten  bereits  den  neueren  Verhältnissen  mehr  Rechnung
trug.  Der  Provinziallandtag  bestand  aus  den  drei  Ständen  der  Großgrunbbesitzer,
Städte  und  Landgemeinden,  an  seiner  Spitze  stand  der  auf  die  Dauer  je  einer  Sitzung
vom  Könige  ernannte  Landtagsmarschall  (oder  der  Stellvertreter  desselben)  und  ihm  gegenüber
  als  beaufsichtigendes  Organ  der  Oberpräsident,  welcher  kompetenzwidrige  oder  das
Staatswohl  verletzende  Landtagsbeschlüsse  beanstanden  und  dem  Minister  zur  Entscheidung
vorlegen  konnte.  Der  Geschäftskreis  des  hannöverschen  Landtages  sollte  derselbe  sein  wie
der  der  altpreußischen  Provinziallandtage:  Beschlußfassung  über  kommunale  Provinzialangelegenheiten
  und  Verwaltung  und  Vertretung  der  provinzialständischen  Institute  und
Vermögensrechte;  dazu  kam  aber  noch  die  wichtige  Befugnis,  im  Interesse  der  Provinz
Lasten  zu  Übernehmen  und  deren  Aufbringung  durch  die  Provinzialangehörigen  zu
beschließen.

Eine  von  den  Vorschriften  der  älteren  Provinzialordnungen  abweichende  Regelung
erfuhr  hier  die  unter  Aufsicht  des  Oberpräsidenten  zu  führende  laufende  Verwaltung  des
ständischen  Vermögens  und  der  ständischen  Anstalten,  welche  deshalb  besonders  erwähnenswert
  ist,  weil  sie  sich  in  Hannover  im  wesentlichen  noch  bis  heute  erhalten  hat  und
auch  in  die  anderen  neuen  Provinzialordnungen  ihren  Grundzügen  nach  übergegangen
ist.  Nachdem  auch  hier  die  Provinzialstände  zunächst  nur  ermächtigt  waren,  geeignete
Personen  zu  dieser  Verwaltung  zu  wählen,  wurde  durch  ein  Allerhöchst  unterm  1.  Nov.
1868  genehmigtes  Regulativ  ein  dauernder  „ständischer  Verwaltungsausschuß“"  eingesetzt.
Dieser  sollte  aus  dem  jedesmaligen  Landtagsmarschall  als  Vorsitzendem  und  zwölf  vom
Landtage  aus  seiner  Mitte  —  und  zwar  je  vier  aus  jedem  Stande  —  zu  wählenden
Mitgliedern  bestehen  und  die  Verwaltung  nach  den  Beschlüssen  des  Landtages  und  den
von  diesem  aufgestellten  Etats  führen.  Ferner  wurde  zur  Besorgung  der  laufenden  Geschäfte
  ein  „Landesdirektorium“  bestellt,  welches  aus  drei  besoldeten,  auf  zwölf  Jahre
vom  Landtage  gewählten  Oberbeamten  bestand,  und  dessen  Vorsitzender,  der  „Landesdirektor",
  der  Bestätigung  des  Königs  bedurfte.  Das  Landesdirektorium  führte  nach
kollegialischer  Beratung  und  Beschlußfassung  die  laufenden  Geschäfte  der  Kommunaloverwaltung
  unter  Aufsicht  des  Ausschusses,  bereitete  dessen  Beschlüsse  vor  und  trug  für
ihre  Ausführung  Sorge,  es  vertrat  den  Provinzialverband  nach  außen  und  verhandelte
in  seinem  Namen  mit  Behörden  und  Privatpersonen.  Endlich  konnten  auch  noch  zur
Verwaltung  ständischer  Anstalten  besondere  Kommissionen  bestellt,  sowie  Bureau-,  Kassenund
  technische  Beamte  vom  Provinziallandtage  angestellt  werden.

Ebenso  wurden  die  provinzialständischen  Verhältnisse  in  der  Provinz  Schleswig-Holstein
  geregelt,  welche  durch  Verordnung  v.  22.  Sept.  1867  (G.  S.,  S.  1587)  zum
provinzialständischen  Verbande  erhoben  wurde.  Diese  Verordnung  hatte,  abgesehen  von
einzelnen  abweichenden  Bestimmungen  über  die  Zusammensetzung  des  Provinziallandtages,
denselben  Inhalt  wie  die  Verordnung  v.  22.  Aug.  1867.

Anders  in  Hessen-Nassau:  diese  Provinz  wurde  nicht  zu  einem  provinzialständischen
  Verbande  erhoben,  sondern  mit  Ausschluß  des  Stadtkreises  Frankfurt  a.  M.  durch
die  Verordnungen  v.  20.  und  26.  Sept.  1867  (G.  S.,  S.  1537  u.  1659)  in  zwei  kommunalständische
  Verbände,  den  des  Regierungsbezirks  Wiesbaden  und  den  des  Regierungsbezirks
  Kassel,  getheilt.  Jeder  Verband  erhielt  einen  Kommunallandtag,  welcher  nach
ständischen  Prinzipien  zusammengesetzt  war.  Für  den  Verband  des  Regierungsbezirks
Kassel  wurde  auf  Grund  des  durch  Allerhöchsten  Erlaß  v.  11.  Nov.  1868  genehmigten
Regulativs  auch  ein  ständischer  Verwaltungsausschuß  und  ein  Landesdirektor  wie  für  den
hannöverschen  Provinzialverband  eingesetzt.  Die  Befugnisse  dieser  beiden  Kommunallandtage
  deckten  sich  im  wesentlichen  mit  denen  des  hannöverschen  und  schleswig-holsteinschen
  Provinziallandtages,  besonders  war  ihnen  auch  das  Recht  eingeräumt,  im  Interesse
des  Verbandes  Ausgaben  und  Leistungen  zu  übernehmen  und  die  Art  und  Weise  ihrer
Aufbringung  zu  beschließen.