Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

184  Erwin  Naffe.  18

Baarvorrath  Notenumlanf
Millionen  Franks  Millionen  Frank
1.  Juni  120770  1311  1375
11.  September  1873  (nach  Zahlung  der
letzten  Kontributionsrath)  708  2881

Die  durch  den  Baarvorrath  nicht  gedeckten  Noten  betrugen  also  vor
dem  Kriege  64  Millionen,  nach  Abzahlung  der  Kriegskontribution  2179
Millionen.  Wären  wirklich  nur  für  700  Millionen  baares  Geld  abgeslossen,
  so  hätte  sich  in  jenen  drei  Jahren  die  umlaufende  Geldmenge
(Papier=  und  Metallgeld  zusammen)  um  1479  Millionen  vermehrt.  Eine
solche  Zunahme  ohne  Entwerthung  der  Valuta  bei  nur  mäßigem  Aufschwung
  des  Verkehrs  und  Wohlstandes  erscheint  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich.
  Auch  beruht  die  Berechnung  von  Leon  Say  auf  willkürlichen
  und  unseres  Erachtens  irrthümlichen  Annahmen.  In  den  deutschen
Münzen  find,  rechnet  er,  für  847  Millionen  Franks  französische  Goldstücke
umgeprägt  worden,  die  Bank  von  England  kaufte  in  derselben  Zeit  für
137  Millionen  Franks  französische  Goldmünzen.  Das  macht  zusammen
einen  Export  von  1044  Millionen.  Von  den  in  Deutschland  umgeprägten
Münzen  wurden  aber  42  Millionen  Franks  aus  England  bezogen.  Es  sei  anzunehmen,
  daß  diese  42  Millionen  in  den  197  Millionen,  welche  die  Bank
von  England  bezogen,  enthalten  seien.  Denn  die  Bank  von  England  habe  daß
franzöfische  Gold  bald  wieder  verkauft.  Bis  Ende  Juni  1874  hätte  sie  schon
116  Millionen  Franks  wieder  veräußert.  Nach  Abzug  der  42  Millionen
von  obigen  1044  Millionen  bleibt  ein  Export  von  einer  Milliarde.  Diese
Schätzung  läßt  alle  Übrige  Ausfuhr,  außer  der  in  die  Bank  von  England
und  in  die  deutschen  Münzen,  außer  Betracht,  während  dieselbe  doch  sehr
beträchtlich  gewesen  zu  sein  scheint.  Allein  die  niederländische  Bank  bezog
für  90  Millionen  Franks  französische  Goldmünzen.  Auch  ist  nicht  alles
französische  Geld,  das  damals  nach  Deutschland  kam,  in  die  Münzen  gewandert.
  Vieles  hat  in  den  Grenzprovinzen  einige  Zeit  cirkulirt,  um
später,  als  die  Wechselkurse  für  Frankreich  wieder  günstig  wurden,  wieder
abzufließen.  Leon  Say  glaubt  diese  ganze  Ausfuhr  unberückfichtigt  lassen
zu  können,  weil  möglicher  Weise  das  in  den  deutschen  Münzen  eingeschmolzene
  französische  Gold  nicht  blos  aus  Frankreich  gekommen  sei.
Es  ist  aber  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich,  daß  Belgien  und  die
Schweiz  —  die  einzigen  Länder,  in  denen  französische  Münzen  in  größeren
Mengen  umlaufen  —  damals,  bei  rasch  steigenden  Geldpreisen  fast  aller
Waaren  und  Dienste  und  bei  vermehrten  Werthumsätzen,  ihre  Münzcirkulation
  wesentlich  vermindert  und  mehr  Goldmünzen  exportirt  als  importirt
haben.  Man  wird  daher  die  Summe  des  Metallgelds,  das  damals  Frankreich
  verlassen,  auf  einige  hundert  Millionen  Franks  höher  veranschlagen
dürfen,  als  Leon  Say  gethan.

Außerdem  ist  zu  erwägen,  daß  in  normalen  Zeiten  Frankreich  von
dem  aus  den  Produktionsländern  den  europäischen  Märkten  neu  zugeführten
Golde  einen  nicht  unerheblichen  Theil  zur  Vermehrung  seiner  Münzmenge
und  zu  Luxuszwecken  zu  beziehen  pflegt.  Dieser  in  der  Regel  Frankreich
zukommende  Theil  der  neuen  Produktion  war  in  jenen  Jahren  disponibel
für  andere  Länder.