Full text : Die parlamentarische Thätigkeit des Deutschen Reichstages und der Landtage von 1874-1876.

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ruthe  verhängt  hat“;  er  dachte  nur  an  die  angeblichen  Excesse
der  Socialdemokraten,  die  wohl  darin  bestehen,  daß  sie  den
Krach  voraus  prophezeiten  und  auf  die  Schaffung  eines  Gesellschaftszustandes
  hinarbeiten,  in  dem  die  Krachs  und  die  Krisen
ummöglich  sind,  in  der  aber  auch  kein  Plat  für  die  Gründer
und  Schwindler,  die  Ausbeuter  und  ihre  Helfer  ist.  Und  darum
von  allen  Seiten  der  Haß  und  darum  die  Verfolgung.

Die  Arbeiter  thaten  in  jener  Periode  der  Prosperität,  was
die  Sachlage  und  ihr  eignes  Interesse  ihnen  zu  thun  gebot.
Als  alle  Welt  rasch  reich  werden  wollte,  und  zwar  auf  Kosten
der  Arbeit,  denn  eine  andere  Reichthumsgewinnung  ist  nicht
denkbar,  da  suchten  die  Arbeiter  das  einzige,  was  sie  besitzen,
ihre  Arbeitskraft,  so  theuer  und  zu  so  günstigen  Bedingungen,
an  den  Mann  zu  bringen,  als  sie  konnten.  Sie  suchten,  um  in
dem  „klassischen“  Stil  des  Fürsten  Bismarck  zu  reden,  zu  erangen
  „was  nach  dem  allgemeinen  Angebot  und  Bevarf  der
Arbeitskräfte  eben  drin  steckt.“  Nach  der  Waare  Arbeitskraft
war  starke  Nachfrage  und  so  thaten  die  Besitzer  derselben,  die
Arbeiter,  was  jeder  große  und  kleine  Bourgeois  bei  starker  Nachfrage
  nach  seiner  Waare,  bestehe  sie  nun  in  Seide  oder  in
faulem  Käse,  gleichfalls  thut,  sie  steigerten  den  Preis.  Und  sie
waren  dazu  um  so  mehr  genöthigt,  als  der  Zufluß  der  Milliarden
  und  die  massenhafte  Erzeugung  künstlicher  Werthe  den  Geldpreis
  erheblich  drückten  und  die  Preise  aller  andern  Waaren  in
demselben  Verhältniß  stiegen.

Da  unmöglich  anzunehmen  ist,  daß  Fürst  Bismarck  Ansichten
kund  gab,  die  er  nicht  besaß,  so  bleibt  nur  die  Annahme  übrig,
daß  seine  volkswirthschaftlichen  Kenntnisse  sehr  lückenhaft  sind.
Daß  er  je  tiefere  volkswirthschaftliche  Studien  gemacht,  müssen
wir  nach  seinen  Ausführungen  billig  bezweifeln.

Im  weiteren  Verlaufe  seiner  Rede  behauptete  er,  „der  französische
  Arbeiter  leiste  jede  Stunde  mehr  als  der  deutsche,  das
zeige  sich  bei  unsern  Bauarbeiten“,  und  damit  spielte  er  auf
den  Bau  des  Palais  des  Fürsten  Pleß  an,  der  aus  Frankreich
dazu  die  Arbeiter  sich  kommen  ließ.

Sicher  ist  der  französische  Arbeiter  im  Allgemeinen  dem
deutschen  in  Bezug  auf  rasches  und  geschmackoolles  Arbeiten  überlegen,
  das  ist  aber  die  einfache  Folge  einer  lange  währenden
industriellen  Erziehung  und  der  größeren  Sorgfalt,  welche  die
leitende  Klasse  in  Frankreich  von  jeher  geschmackvoller  Ausstattung
  zugewandt.  Die  deutsche  Industrie  ist  der  französischen
egenüber  noch  jung  und  folglich  noch  unentwickelt;  der  Unter-8
  der  Leistungsfähigkeit  des  deutschen  und  französischen
Arbeiters  ist  also  das  natürliche  Produkt  der  Umstände  und  es
ist  darum  schwere  Ungerechtigkeit,  dem  deutschen  Arbeiter  einen