Full text : Geschichte der Deutschen Frauenwelt. Erster Band. (1)

138  Buch  II.  Kap.  1.

so  streng  Geprüfte  von  ihrem  Gemahl  Nichts  mehr  wissen,
sondern  begab  sich  in  das  von  ihr  gestiftete  Kloster  Andlau
im  straßburger  Sprengel,  wo  sie  896  im  Geruche  der
Heiligkeit  starb.

Die  Berufung  auf  ein  Gottesurtheil  blieb  das  ganze
Mittelalter  hindurch  ein  letztes  Mittel  angeklagter  Frauen,
sich  zu  reinigen.  Die  Ordalien  umfaßten,  neben  dem
schon  früheren  Ortes  berührten  gerichtlichen  Zweikampf,
verschiedene  Proben,  bei  welchen  wir  einen  Augenblick
verweilen  wollen,  da  wir  später  bei  Vorführung  des  Hexenprozesses
  darauf  zurückzudeuten  haben.  Vorwiegende
Proben  waren  die  durch  Feuer  oder  durch  Wasser.  Bei
Anwendung  des  Feuerurtheils  mußte  der  oder  die  Beweisende
  die  bloße  Hand  ins  Feuer  halten  und,  wenn  er
oder  sie  schuldlos  sein  sollte,  dieselbe  unversehrt  wieder
hervorziehen  oder  er  oder  sie  mußte  im  bloßen  Hemde
durch  einen  entflammten  Holzstoß  gehen  oder  mit  bloßen

An  allen  vier  Enden,

Zu  Füßen  und  zu  Händen

Das  Hemde  ist  entzunden;

In  einer  kleinen  Stunden

Das  Hemde  ganz  von  ihr  brann,
Das  Wachs  auf  das  Pflaster  rann:
Die  Frau  des  Schadens  so  genas  —
Sie  sprachen  Deo  gratias.“

Das  ist  nun  freilich  starke  —  Poesie.  Eine  Stunde,  und  wenn
auch  nur  eine  „kleine“  Stunde  lang  zu  brennen  ohne  zu  verbrennen,
so  Etwas  konnte  man  doch  nur  einer  Zeit  vorgaukeln,  deren  Mirakelsucht
  den  dicksten  Blödsinn  mit  Heißhunger  verschlang.