Contents : Zu Bismarcks Gedächtnis.

Der  Schoͤpfer  von  Kaiser  und  Reich.  108

nicht  besser  und  blieb  sich  nur  selbst  treu  —  während  in  Osterreich  der
Umschwung  der  deutschen  Politik  jedesmal  eine  völlige  Erschütterung  der
inneren  Verhältnisse  zuwege  brachte,  und  die  Schwankungen  um  so
heftiger  wurden,  je  häufiger  die  Männer  am  Steuer  die  Fahrtrichtung
wechselten.

übrigens  hatte  jener  auch  sonst  noch  Mittel  genug  an  der  Hand,
um  die  deutsch-nationalen  Allüren  der  Wiener  Staatsmänner  vor  der
Welt  bloß  zu  stellen.  Das  stärkste  darunter  war  das,  was  er  bereits
nach  dem  Frankfurter  Fürstenkongreß  anwandte  und  vor  Ausbruch  des
Krieges  wieder  hervorholte,  als  er  die  Bemühungen  der  Rivalen  um  die
deutsche  Volksgunst  durch  seine  Anträge  aus  Bundesreform  und  ein
Nationalparlament  übertrumpfte.  Er  konnte  das  zunächst  wohl  noch
riskieren  ohne  die  bestimmte  Absicht,  solche  Versprechungen  unter  allen
Umständen  zu  verwirklichen;  wie  denn  auch  die  Liberalen  lange  nicht
daran  glauben  mochten  und  laut  gegen  solche  Danaergeschenke  aus  den
Händen  des  Absolutisten,  des  Russenfreundes  protestierten.  Aber  je  mehr
sich  seine  Gedanken  der  Lösung  des  Knotens  durch  das  Schwert  näherten,
um  so  ensthafter  faßte  er  diese  Pläne  ins  Auge.  Denn  er  respektierte
nun  doch  die  täglich  wachsende  Kraft  der  nationalen  Idee  und  wußte
überdies  seit  der  Revolution,  daß  er  keinen  stärkeren  Hebel  ansetzen
konnte,  um  den  Donaustaat  und  das  kleinere  Deutschland  auseinander
zu  sprengen.

Daß  er  mit  dem  wirksamsten  Sprengmittel,  dem  direkten  Wahlrecht,
eine  Idee  der  Radikalen  aufnahm,  genierte  ihn  nicht;  ebensowenig  wie  er
vor  dem  Bündnis  mit  dem  italienischen  Nationalstaat  zurückschreckte,  das
ja  auch  ein  Erbstück  aus  ihrem  Programm  von  1848  war.  Er  glaubte
gleich  ihnen  nur  an  feine  Götter  und  war  nicht  gewillt,  für  fremde
Legitimität  auch  nur  den  Finger  aufzuheben.  Er  vertraute  fest,  und  nur
darum  adoptierte  er  jene  Idee,  daß  gerade  durch  sie  und  ein  deutsches
Volkshaus  Preußen  seine  Stellung  in  Deutschland  besser  wahren  würde
als  einer  Majorität  fortschrittlicher  Abgeordneter  oder  den  Diplomaten
am  Bundestage  gegenüber.

Bekanntlich  hat  Bismarck  sich  schon  in  der  Petersburger  Zeit  sowohl
vor  Freunden  als  offiziell  für  eine  nationale  Vertretung  des  deutschen
Volkes  bei  dem  Bunde  ausgesprochen,  damals  jedoch  noch  in  dem  Sinne
einer  Delegation  aus  den  einzelnen  Landtagen.  Nach  dem  Fürstenkongreß,
  als  Osterreich  diesen  Plan  zu  dem  seinen  gemacht  hatte,  trat
er  mit  vollem  Nachdruck  für  das  direkte  Wahlrecht  ein,  zumal  in  der
großen  Denkschrift  vom  15.  September,  in  der  er  dem  König  sein
Reformprogramm  in  großartiger  Geschlossenheit  der  Gedanken  vortrug.