2. DIE BOSNISCHE KRISIS. 189
Anwartschaft auf ein Zusammenspiel mit England erlangt.
Italien ist im Dreibund „immobil“ und bereit, durch engere
Beziehungen zu Rußland seine Ansprüche auf Tripolis gegen die
Türkei durchzusetzen. Für die Balkanangelegenheiten blickt
Rußland auf Deutschland wie auf einen von Österreich-Ungarn
nicht mehr zu trennenden Widerpart*).
Der diplomatische Erfolg des Bundes der Mitte steigerte
das deutsche Kraftgefühl. Schon bevor er errungen war, hatten
Flottenverein und Alldeutsche die schwierige auswärtige Lage,
wie jede ähnliche vorher, für neue Rüstungsforderungen, namentlich
zur See, ausgenutzt. Die Wirkung des Erfolges nach außen
aber hing davon ab, ob die unterlegne Mächtegruppe unter dem
Ansporn des hochgepriesnen Sieges der Nibelungentreue das
Netz gegen den Bund der Mitte verdichten oder ob es gelingen
würde, durch Lockerungen in dem System der Mächtegruppen
die Gefahr einer kriegerischen Explosion wirklich zu unterdrücken.
Für die Sicherung des europäischen Friedens gab es
auch jetzt noch nur einen vernünftigen Weg: den der Verständigung
zwischen der stärksten Land- und der stärksten Seemacht,
zwischen denen nicht so tiefe, geschichtlich überkommene Feindseligkeiten
bestanden, als zwischen Rußland und Österreich-Ungarn
und zwischen Frankreich und Deutschland. Fürst Bülow
selbst hat, ohne Rücksicht auf die in der bosnischen Krisis geernteten
Lorbeeren, noch am Ende seiner Kanzlerschaft diesen
Weg beschreiten wollen. Ebenso hat es auch auf englischer Seite
nicht an Staatsmännern gefehlt, die das drohende Unheil abzuwenden
suchten. Zum Scheitern dieser Bemühungen trug
wesentlich das bei, was Lord Northcliffe in den kritischen Juli-*)
Fürst Swiatopolk-Mirski schrieb Anfang ı910 in der
„Peterburgskija Wjedomosti“: Rußland brauche zur Erfrischung seiner
sittlichen Atmosphäre einen Krieg, für den Krieg müsse Frankreich das
Geld geben; nach den an Rußland schon geliehenen Riesensummen sei
es an einem russischen Sieg interessiert. Der Kampf werde schonungslos
bis zur Zertrümmerung der beiden mitteleuropäischen Kaiserreiche geführt
werden; das Königreich Tschechien werde Mähren, Dänemark Schleswig-Holstein
erhalten und Frankreich für seine vielen Milliarden wieder in den
Besitz von Elsaß-Lothringen kommen. ı91oll