Full text : Deutsche Weltpolitik 1890-1912.

2.  DIE  BOSNISCHE  KRISIS.  189

Anwartschaft  auf  ein  Zusammenspiel  mit  England  erlangt.
Italien  ist  im  Dreibund  „immobil“  und  bereit,  durch  engere
Beziehungen  zu  Rußland  seine  Ansprüche  auf  Tripolis  gegen  die
Türkei  durchzusetzen.  Für  die  Balkanangelegenheiten  blickt
Rußland  auf  Deutschland  wie  auf  einen  von  Österreich-Ungarn
nicht  mehr  zu  trennenden  Widerpart*).

Der  diplomatische  Erfolg  des  Bundes  der  Mitte  steigerte
das  deutsche  Kraftgefühl.  Schon  bevor  er  errungen  war,  hatten
Flottenverein  und  Alldeutsche  die  schwierige  auswärtige  Lage,
wie  jede  ähnliche  vorher,  für  neue  Rüstungsforderungen,  namentlich
  zur  See,  ausgenutzt.  Die  Wirkung  des  Erfolges  nach  außen
aber  hing  davon  ab,  ob  die  unterlegne  Mächtegruppe  unter  dem
Ansporn  des  hochgepriesnen  Sieges  der  Nibelungentreue  das
Netz  gegen  den  Bund  der  Mitte  verdichten  oder  ob  es  gelingen
würde,  durch  Lockerungen  in  dem  System  der  Mächtegruppen
die  Gefahr  einer  kriegerischen  Explosion  wirklich  zu  unterdrücken.
  Für  die  Sicherung  des  europäischen  Friedens  gab  es
auch  jetzt  noch  nur  einen  vernünftigen  Weg:  den  der  Verständigung
  zwischen  der  stärksten  Land-  und  der  stärksten  Seemacht,
zwischen  denen  nicht  so  tiefe,  geschichtlich  überkommene  Feindseligkeiten
  bestanden,  als  zwischen  Rußland  und  Österreich-Ungarn
  und  zwischen  Frankreich  und  Deutschland.  Fürst  Bülow
selbst  hat,  ohne  Rücksicht  auf  die  in  der  bosnischen  Krisis  geernteten
  Lorbeeren,  noch  am  Ende  seiner  Kanzlerschaft  diesen
Weg  beschreiten  wollen.  Ebenso  hat  es  auch  auf  englischer  Seite
nicht  an  Staatsmännern  gefehlt,  die  das  drohende  Unheil  abzuwenden
  suchten.  Zum  Scheitern  dieser  Bemühungen  trug
wesentlich  das  bei,  was  Lord  Northcliffe  in  den  kritischen  Juli-*)

  Fürst  Swiatopolk-Mirski  schrieb  Anfang  ı910  in  der
„Peterburgskija  Wjedomosti“:  Rußland  brauche  zur  Erfrischung  seiner
sittlichen  Atmosphäre  einen  Krieg,  für  den  Krieg  müsse  Frankreich  das
Geld  geben;  nach  den  an  Rußland  schon  geliehenen  Riesensummen  sei
es  an  einem  russischen  Sieg  interessiert.  Der  Kampf  werde  schonungslos
bis  zur  Zertrümmerung  der  beiden  mitteleuropäischen  Kaiserreiche  geführt
werden;  das  Königreich  Tschechien  werde  Mähren,  Dänemark  Schleswig-Holstein
  erhalten  und  Frankreich  für  seine  vielen  Milliarden  wieder  in  den
Besitz  von  Elsaß-Lothringen  kommen.  ı91oll