Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

90  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

romanischen  Stils  sich  erhoben  und  die  herrlichen  Lieder  unserer  älteren
classischen  Dichtung  in  jedem  Dorfe  am  Rhein  und  Main  von  den
Bauern  und  Mägden  verstanden  wurden.  Seitdem  ist  noch  auf  jeder
Entwicklungsstufe  der  deutschen  Cultur  ein  häßlicher  Bodensatz  ungebrochener
  Barbarei  an  den  Tag  getreten.  Als  die  prächtige  Renaissance-Fassade
  des  Otto-Heinrichs-Baus  zu  Heidelberg  entstand,  lag  die  deutsche
Dichtkunst  tief  darnieder,  und  das  edle  Bauwerk  ward  durch  klägliche
Knittelverse  verunziert.  Und  wieder,  als  die  frohe  Zeit  unserer  zweiten
classischen  Dichtung  anhob,  wurden  die  bildenden  Künste,  die  nur  in  der
weichen  Luft  behäbigen  Wohlstandes  gedeihen,  von  dem  frischen  Hauche
der  neuen  Zeit  kaum  berührt,  und  Goethe  verschwendete  die  Pracht  seiner
Verse  an  lächerliche  Bauten,  wie  jenes  römische  Haus  zu  Weimar,  das
mit  seinen  antikisirenden  Formen  dem  Volke  fremd  bleibt,  den  gebildeten
Sinn  durch  kahle  Nüchternheit  beleidigt.  Wohl  ist  es  ein  rührender  Anblick,
  dies  Heroengeschlecht  des  Idealismus,  das  inmitten  der  schmucklosen
Armseligkeit  kleinfürstlicher  Residenzdörfer  um  die  höchsten  Güter  der
Menschheit  warb:  unnatürlich  weit  blieb  doch  der  Abstand  zwischen  dem
Reichthum  der  Ideen  und  der  Armuth  des  Lebens,  zwischen  den  verwegenen
  Gedankenflügen  der  Gebildeten  und  dem  grundprosaischen  Treiben
der  hart  arbeitenden  Massen.  Der  Adel  einer  harmonisch  durchgebildeten
Gesittung,  wie  sie  die  Italiener  in  den  Tagen  Leonardo's  beglückte,  blieb
den  Deutschen  noch  immer  versagt.

Aber  wie  sie  nun  war  mit  allen  ihren  Mängeln  und  Gebrechen,
diese  literarische  Revolution  hat  den  Charakter  der  neuen  deutschen  Cultur
  bestimmt.  Sie  erhob  dies  Land  wieder  zum  Kernlande  der  Ketzerei,
indem  sie  den  Grundgedanken  der  Reformation  bis  zu  dem  Rechte  der
voraussetzungslos  freien  Forschung  weiterbildete.  Sie  erweckte  mit  den
Idealen  reiner  Menschenbildung  auch  den  vaterländischen  Stolz  in  unserem
Volke;  denn  wie  unreif  auch  die  politische  Bildung  der  Zeit  erscheint,
wie  verschwommen  ihre  weltbürgerlichen  Träume,  in  allen  ihren  Führern
lebte  doch  der  edle  Ehrgeiz,  der  Welt  zu  zeigen,  daß,  wie  Herder  sagt,
„der  deutsche  Name  in  sich  selbst  stark,  fest  und  groß  sei"“.  Nicht  im
Kampfe  mit  den  Ideen  der  Humanität,  sondern  recht  eigentlich  auf  ihrem
Boden  ist  die  vaterländische  Begeisterung  der  Befreiungskriege  erwachsen.
Als  grausame  Schicksalsschläge  den  in  den  Wolken  fliegenden  deutschen
Genius  wieder  an  die  endlichen  Bedingungen  des  Daseins  erinnert  hatten,
da  gelangte  die  Nation  durch  einen  nothwendigen  letzten  Schritt  zu  der
Erkenntniß,  daß  ihre  neue  geistige  Freiheit  nur  dauern  konnte  in  einem
geachteten,  unabhängigen  Staate;  der  Idealismus,  der  aus  Kant's  Gedanken
  und  Schiller's  Dramen  sprach,  gewann  eine  neue  Gestalt  in  dem
Heldenzorne  des  Jahres  1813.  Also  hat  unsere  classische  Literatur  von
ganz  verschiedenen  Ausgangspunkten  her  dem  nämlichen  Ziele  zugestrebt
wie  die  politische  Arbeit  der  preußischen  Monarchie.  Diesen  beiden  bil-