Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neunter Jahrgang. 1868. (9)

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Preußen  und  der  norddeutsche  Bund.

und  obendrauf  erscheint  in  Luxemburg  selber  seit  dem  21.  ds.  ein  neues
französisches  Blatt  „I'Avenir,“  mit  französischem  Geld  (denn  Abonnenten  hat
es  beinahe  keine).  In  seiner  ersten  Nummer  legt  es  ohne  Weiteres  die  Annexion
  an  Frankreich  als  sein  Programm  dar.  „Ein  Uebel“,  heißt  es,  „welches
die  Interessen  kleiner  Staaten  bedroht,  und  welches  wir  vermeiden  wollen,
ist  die  Isolirung,  welche  den  politischen  Marasmus  und  den  Ruin  des  materiellen
  Wohlstands  nach  sich  zieht;  darum  fühlen  wir  das  Bedürfniß,  uns
inniger  einer  großen  Nation  anzuschließen.“  Die  politische  Berechtigung  seiner
Tendenz  findet  das  Blatt  in  der  Unhaltbarkeit  der  Verträge  überhaupt:  „Wir
bedauern,"  sagt  es,  „kein  absolutes  Vertrauen  in  den  Londoner  Vertrag  zu
haben,  und  nicht  zu  glauben,  daß  ein  Krieg  die  nothwendige  Folge  eines
Bruchs  oder  einer  Modification  dieses  Vertrags  sein  würde.“

Inzwischen  ist  von  einem  Beginn  der  Arbeiten  zu  der  von  der

Londoner  Conferenz  beschlossenen  Schleifung  der  Festungswerke  noch
keine  Rede,  die  bisherigen  Thore  sind  etwas  erweitert  worden  und
eine  neue  Thorpassage  soll  durch  die  Fortificationen  gelegt  werden.
Die  Festung  selbst  ist  unversehrt  geblieben.

22.  April.  (Luxemburg).  Landtag:  Die  Regierung  wird  über  das





Erscheinen  des  neuen  annexionistischen  Blattes  Avenir,  als  dessen
Redacteur  der  in  Eich  bei  Luxemburg  residirende  franz.  Viceconsul

Mahon  de  Monaghan  bezeichnet  werde,  interpellirt.  Dieselbe  antwortet:
sie  werde  jeder  Aufforderung  zur  Annexion  an  irgend  welchen  fremden

Staat  mit  den  Gesetzen  in  der  Hand  entgegen  treten  und  die  Urheber  solcher

Aufreizungen  verfolgen.

24.4.  (Preußen:  Kurhessen).  Der  wegen  angeblicher  Umtriebe  für

den  gew.  Kurfürsten  seit  dem  13.  März  in  Haft  gehaltene  ehemal.
Abg.  Trabert  wird  wieder  in  Freiheit  gesetzt.

27.4.  (Zollverein).  Eröffnung  des  ersten  Zollparlaments.  Thronrede

  des  Königs  von  Preußen:

„Geehrte  Herren  vom  deutschen  Zollparlamente!  Vierzig  Jahre  sind  verflossen
  seit  der  Begründung  des  Vereins,  welcher  heute  in  eine  bedeutungsvolle
  Epoche  seiner  Entwicklung  eintritt.  Von  kleinen  Anfängen  ausgehend,
aber  getragen  von  dem  Bedürfnisse  des  deutschen  Volkes  nach  der  Freiheit
des  inneren  Verkehrs  hat  der  Zollverein  sich  allmälig  durch  die  Macht  des
nationalen  Gedankens,  welchem  er  Ausdruck  gab,  über  den  größten
Theil  Deutschlands  ausgedehnt.  Er  hat  zwischen  seinen  Gliedern  eine  Gemeinsamkeit
  der  Interessen  geschaffen,  welche  ihn  schwere  Proben  siegreich  hat
bestehen  lassen,  und  im  Weltverkehr  nimmt  er  eine  Stelle  ein,  auf  welche

jeder  Deutsche  mit  Befriedigung  blickt.  —  Die  ihm  bei  seiner  Gründung  gegebenen
  Einrichtungen  haben  im  Laufe  der  Zeit  durch  die  Sorgfalt  der

Vereinsregierungen  einen  hohen  Grad  der  Ausbildung  erhalten.  Sie  vermochten
  jedoch  auf  die  Dauer  weder  den  Anforderungen  zu  genügen,  welche
die  rasche  Entwicklung  und  die  zunehmende  Vielseitigkeit  des  Verkehrs  an  die
Gesetzgebung  stellt,  noch  dem  berechtigten  Verlangen  des  deutschen
Volkes  nach  einer  wirksamen  Theilnahme  an  dieser  Gesetzgebung  zu  entsprechen.

  Die  Veränderungen,  welche  das  wirthschaftliche  und  politische  Leben

Deutschlands  erfahren  hat,  erheischten  die  Fortbildung  der  dem  Zollverein  bei
seiner  Gründung  gegebenen  Organe,  und  es  ist  die  Frucht  einer  naturgemäßen
  Entwickelung,  wenn  heute  Vertreter  der  ganzen  Nation
sich  zur  Berathung  der  gemeinsamen  wirthschaftlichen  Interessen  Deutschlands
vereinigen.  —  Diese  Berathung  wird  sich  auf  fast  alle  Gebiete  der  nach  dem
Vertrage  vom  8.  Juli  v.  J.  gemeinschaftlichen  Gesetzgebung  erstrecken,  und