Full text : Europäischer Geschichtskalender. Elfter Jahrgang. 1870. (11)

Allgemeint  Chronik.  3

der  Adresse  und  legt  seine  Unzufriedenheit  über  dieses  Vorgehen  der  I.  Kammer
  sehr  scharf  an  den  Tag.  Die  Adresse  stammt  aus  der  Feder  des  protestantischen
  Oberconsistorialpräsidenten  v.  Harleß,  der  dafür  aus  allen  Gegenden
des  protest.  Landestheils  unzweideutige  Mißtrauensvota  erhält.

28.  Jan.  (Oesterreich-Ungarn:  Oesterreich).  Das  Abg.  Haus  spricht  sich  in  seiner
Antwortsadresse  auf  die  Thronrede  mit  114  gegen  57  Stimmen  ebenfalls
gegen  die  Bestrebungen  der  (entlassenen)  Minderheit  des  Ministeriums  aus,
doch  mit  möglichster  Vermeidung  jeder  Schärfe  gegen  die  widerspenstigen

·  Nalionalitäten.

29.  „  (Nordd.  Bund:  Preußen).  Die  Regierung  befiehlt  für  Nordschleswig  die
Entfernung  der  noch  aus  früherer  Zeit  stammenden  dänischen  und  in  dänischem
Sinn  bearbeiteten  Lehrmittel.

„  „  (Frankreich).  Der  gesetzgeb.  Körper  beschließt,  den  englischen  Handelsvertrag
  einer  Enquête  durch  36  seiner  Mitglieder  zu  unterziehen,  die  er  aus
den  Häuptern  beider  Parteien,  der  Schutzzöllner  und  der  Freihändler,  zusammensetzt.
  Die  Regierung  will  den  Vertrag  nur  modificiren,  nicht  gänzlich  aufheben.

31.  „  (Nordd.  Bund:  Preußen).  Das  Abg.Haus  genehmigt  die  Vorlage  bez.
Eigenthumserwerb  und  dingliche  Belastung  von  Grundstücken,  durch  welche  der
Grundbesitz  möglichst  mobilisirt  werden  soll.

1.  Febr.  (Oesterreich-Ungarn:  Oesterreich).  Die  Majorität  des  Ministeriums
reconstruirt  dasselbe  unter  dem  Präsidium  Hasners.

„  „  (Frankreich).  Der  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Daru  ladet  den  norddeutschen
  Bundeskanzler  durch  die  Vermittlung  Englands  zu  gegenseitigen
süreroiunemabnegen  ein.  Graf  Bismarck  lehnt  den  Antrag  seinerseits
ofort  ab.  „

2.  „  (Nom).  Concil:  Die  beabsichtigte  dritte  öffentliche  Sitzung  des  Concils  muß
unterbleiben,  da  noch  immer  keine  Beschlüsse  zu  verkünden  sind.

—  „  (Deutschland).  Die  Opposition  gegen  das  Unfehlbarkeitsdogma  tritt  am
Nhein  unter  den  gebildeten  Katholiken  immer  unzweideutiger  zu  Tage.

„  (Türkei).  Das  Vorgehen  der  römischen  Curie  gegen  die  hergebrachten
Privilegien  der  katholischen  Armenier  ruft  unter  denselben  ein  Schisma  hervor.
  Die  Pforte  gewährt  denjenigen,  welche  von  Rom  wieder  abfallen  wollen,
vorläufig  ihren  Schutz.

„  (Frankreich).  Da  Rochefort  sich  zu  Antritt  seiner  Gefängnißstrafe  nicht
freiwillig  stellen  will,  wird  er  mit  Gewalt  zur  Haft  gebracht.  Seine  Anhänger
  antworten  mit  Errichtung  von  Barrikaden,  scheitern  aber  mit  dem  Versuche
  vollständig.

(England).  Eröffnung  des  Parlaments.  Die  Thronrede  kündigt  die  Vorlegung
  einer  sog.  irischen  Landbill  für  gesetzliche  Regulirung  des  Verhältnisses
zwischen  Gutsherren  und  Pächtern  und  einer  Unterrichtsbill  für  England  behufs
  Verbesserung  und  Vermehrung  der  Volksschulen  an.

„  (Nordd.  Bund:  Preußen).  Der  Ex-König  Georg  läßt  der  Welfenlegion
in  Frankreich  anzeigen,  daß  seine  Unterstützung  mit  dem  15.  d.  M.  aufhören
  werde.

„  „  (Nordd.  Bund:  Preußen).  Der  Commissionsbericht  über  die  Petition
gegen  das  Ueberhandnehmen  des  Klosterwesens  in  Preußen  kommt  nicht  mehr
auf  die  Tagesordnung  des  Abg.Hauses  trotz  aller  Bemühungen  der  Clerikalen,
die  es  gern  zu  einer  Debatte  darüber  gebracht  hätten.

10.  „  (Nord.  Bund).  Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  erklärt  das  von  den  süddeutschen
  Gegnern  Preußens  geforderte  Recht  zur  Prüfung  des  casus  foederis
geradezu  für  eine  Absurdidät,  die  Preußen  niemals  zugestanden  habe.

„  „  (Deutschland  —  Bayern).  Die  II.  Kammer  ertheilt  mit  77  patriotischen
  gegen  62  liberale  Stimmen  in  ihrer  Antwortsadresse  auf  die  Thronrede
nicht  dem  ganzen  Ministerium  wie  die  I.  Kammer,  sondern  nur  dem  Ministerpräsidenten
  Fürst  Hohenlohe  ein  Mißtrauensvotum.

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