514 Hermann Oncken
ausgeforderte Macht — falls sie sich nicht in eine demütigende Ausschaltung
fügte — im Lichte des kriegerischen Angreifers erscheinen zu
lassen.“0)
Die deutsche Diplomatie hatte frühzcitig und mit steigendem Ernste
auf die Folgen hingewiesen, wenn auf diese Weise die Algeciras-Akte in
Stücke gehen sollte und die Signatarmächte wieder freic Hand gewinnen
würden. Als alles nicht verfing, entschloß sic sich, noch etwas deutlicher
zu werden: zum Schutz durch Unruhen bedrohter deutscher Interessen
im sudlichen Marokko wurde am 1. Juli 1911 das Kanonenboot
„Panther“ nach Agadir gesandt. Die Maßnahme hatte, nach dem Gedankengang
des Staatssekretärs von Kiderlen-Wächter, keinen anderen
Sinn, als zu zeigen, daß man nicht gewillt war, eigenc berechtigte
Interessen schutzlos preiszugeben; sie war, wic es später der Franzose
Marcel Sembat bezeichnet hat, auch ein Glockenzcichen, das den Wunsch
„de causer“ anzeigte, um dic eingeschlafenen Besprechungen — natürlich
zu zweien, wie man sie zu zweien im Jahre 1909 begonnen hatte —
zu einem Ende zu führen; deren Gegenstand aber war, wie die Franzosen
von der ersten Minute an amtlich aus dem Munde Kiderlens
wußten, nicht cine deutsche Festsetzung in Südmarokko, sondern die Erwirkung
einer anderweitigen Kompensation für die doch unvermeidlich
gewordene Anerkennung der französischen Position; nur wenn diese sich
nicht crziclen ließ, mußten die Ansprüche Deutschlands in Marokko naturgemäß
wieder aufleben.“2)
40) Morel a. a. O. S. 127: „Had Germany wanted war, her course was clearly
indicated, and it has been one of the most shameful features olf the persistan
misleading ol the British public in favour of a diplomacy immoral from
its inception, that Germanyx, the provoked partyv. has been repre-Sented,
both in the crisis of 1905 and in the crisis of 1911 — Crises
entirely brought about by that diplomacy — as working lor war.“
A1) Aber die diplomatischen Verhandlungen in der Krisis von Agadir sind wir
aus den amtlichen Quellen der drei beteiligten Mächte genau unterrichtet. Einzelne
Widersprüche auszugleichen, ist hier nicht der Ort. Es kommt für unseren
Zweck nur auf die Bloßlegung der Grundzüge an. Der deutsche Standpunkt erhellt
aus den Mitteilungen v. Kiderlens in der Budgetkommission des Reichstages.
Sie finden ihre Bestätigung in der objeltiven englischen Darstellung von
Morel, Morocco in Diplomacy (London 1912). Auch die nicht-delcassistischen
Darstellungen der Franzosen, wie Albin, Le coup d'Agadir und Hanotaux, La
politique de l’équilibre werfen Schlaglichter, die die wirklichen Zusammenhänge
erhellen.
12) Es versteht sich, daß die deutsche Diplomatic diese Karte, den Rechtstitel
ihres Vorgehens, nicht aus der Hand gab und sich während der Verhandlungen
des Hilfsmittels bediente, in der öffentlichen Meinung auch die deutschen An-