Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Sechzehnter Jahrgang. 1875. (16)

372  Frankreich.  (Olt.  17.)

digen  Republik“  vorgaukeln,  die  anderen  ihn.  ihre  gewolttbätigen  Lehren  an

in  Kopf  werfen:  die  Nation,  welche  aus  Erfahrung  die  Verbrechen  und
den  Blödsinn  der  Mutter-Republik  kennt,  snl  sie  richten.  Mag  das  linke
Centrum  verzweifelte  Anstrengungen  machen,  sich  am  Rande  des  Abgrundes
im  Gleichgewichte  zu  halten;  mag  die  legilimistische  Partei  sich  in  ihre  Ueberlieserungen
  hüllen  und  überzeugt  bleiben,  daß  furchtbare  Geschicke  das  entsete
  Frankreich  zu  den  Füßen  ihres  Königs  zurückführen  werden  —  Täuschungen
  der  Treue,  die  wir  ehren  müssen:  denn  auch  wir,  meine  Herren,
sind  Getreue;  mögen  die  Anhänger  der  jüngeren  Linie  (ein  Ausdruck,  der“
freilich  nur  noch  eine  historische  Bedeutung  haben  soll),  sachdem  sie  mühsam
auf  die  legitime  Moarchie  losgesteuert,  ihr  Ruder  plötzlich  der  Republik
zugekehrt  haben  und  noch  ferner  alle  Zugänge  zur  hblic  Gewalt  s
halten,  auf  irgend  einen  glücklichen  Zufall  lauern  —  was  können  alle  diese
Bestrebungen  und  Umtriebe  der  imperialistischen  Parkei  anhaben?  Ich  für
meinen  Theil  habe  die  innigste,  auf  Studium  und  Nachdenken  beruhende
Ueberzeugung,  daß  die  Nation  niemals  die  Republik  als  definitive  Regierung
annehmen  wird.  Wenn  die  Republik  sich  bisher  behaupten  konnte,  so  geschah
es,  weil  wir  von  einer  Nepublik  so  wenig  als  nur  möglich  hatten;  aber  je
aufrichtiger  und  vollständiger  der  Versuch  gemacht  werden  wird,  desto  entschiedener
  werden  die  Gesinnungen  Frankreichs  sich  kund  thun,  und  je  mehr
die  Republik  Republik  fein  wird,  desto  nnerbittlicher  wird  das  Urkheil  lanten,
deslo  nienmin  wird  die  Genugkhuung  für  den  4.  September  sein."

7.  Oktober.  Hr.  Thiers  hält  in  Arcachon  eine  Rede,  in  der
er  sich  imuubo  gegen  die  für  Frankreich  geradezu  unmöglich  gewordene
  Monarchie,  gegen  die  von  Buffet  gehandhabte  Ausschließlichkeit
  ind  für  einen  ehrlichen  Versuch  mit  der  Republik  erklärt:

s  ist  nun,  nachdem  die  Republik  beschlosen  ist,  urch  zu  ihnn,
meine  gach,  Auf  diese  Fruge  antworte  ich  offen:  Nur  Eines;  wir  müssen
aufrichtig  und  redlich  danach  streben,  daß  sie  durchdringt.  Eine  andere  Pflicht
gibt  es  nicht,  wie  sich  auch  immer  die  Zukunft  gestalten  mag.  Forschen  wir
nicht  nach  der  unbekannten  Zukunft,  ziehen  wir  Unsere  gegenwärtige,  augenscheinliche,
  unlengbare  Pflicht  zu  Rathe:  Die  Republik  ist  angenommen  und
wir  müssen,  wenn  wir  nicht  die  inconsequentesten  Menschen  sein  wollen,  wir
müssen,  ich  wiederhole  es,  dafür  sorgen,  daß  sie  durchdringt.  Daß  dies  nicht
leicht  ist,  gebe  ich  zu;  aber  wäre  es  leichter,  die  Monarchie  zu  befestigen,  die
in  vierzig  Jahren  dreimal  gestürzt  worden  ist?  Gewiß  können  die  monarchischen
  Parkeien  das  Unternehmen  durch  einen  offenen  oder  heimlichen  Widerstand
  erschweren;  aber  werden  sie  dadurch  die  Monarchie  ermöglichen?  Nein;
dieselben  Gründe  beslehen  immer  noch  und  werden  lange  sortbestehen.  Setzen
wir  voraus,  daß  das  Haus  Bourbon  nur  noch  einen  einzigen  Vertreter  habe,
die  Napoleons  wären  immer  noch  da,  welche  wir  an  gewissen  Tagen  mit
den  Bourbonen  stimmen  sehen  können,  aber  die  wir  nie  vereint  regieren  sehen
werden.  Zwei  Dynaslien  sind  für  einen  Bürgerkrieg  vollkommen  ausreichend,
ohne  daß  es  einer  dritten  bedarf.  Welches  ist  heute  die  wahre  Lage?  Tie
Republik  ist  nicht  mehr  eine  Principienfrage,  sondern  eine  Frage  praktischer
Anwendung.  Hier  fangen  nichter  nur  unser  Aller  Pflichten,  em  auch  die
der  Regierung  an.  Die  oberste  Gewalt  ist  in  den  Händen  der  Männer  vom
24.  Mai  oder  doch  der  beworragendsten  unter  ihnen  geblieben,  und  sie  werden
nun  wohl  zu  erwägen  haben,  welchen  Gebrauch  sie  davon  machen.

Creife  die  Behauptung,  daß  in  der  Regierung  Conservative  hchis  sind;  ich
hebe  es  zu,  denn  ich  bin  slets  conservaliv  gewesen,  und  ich  habe  auch  jeder
zeit  so  conservativ  scheinen  wollen,  als  ich  es  wirklich  war.  Aber  man  muß