Full text : Europäischer Geschichtskalender. Sechzehnter Jahrgang. 1875. (16)

Einleitung.  $  15.  57

b)  die  Religionsgesellschaften.  Von  diesen  sind  von
besonderer  Bedeutung  diejenigen,  welche  auf  christlicher  Grundlage
beruhen.  Sie  heißen  Kirchen,  ihr  Recht  Kirchenrecht;

3.  das  Recht,  welches  die  Beziehungen  der  menschlichen  Gemeinwesen
  zueinander  regelt.  Soweit  diese  Beziehungen
rein  vermögensrechtlicher  Natur  sind,  unterscheiden  sie  sich
in  nichts  von  den  Rechtsbeziehungen  der  einzelnen  Privatpersonen
und  gehören  daher  dem  Privatrecht  an.  Die  Beziehungen  der
Religionsgesellschaften  zueinander  sind  fast  rein  negativer
Art,  so  daß  sie  zur  Ausbildung  einer  besonderen  Rechtsdisziplin
keine  Veranlassung  gegeben  haben.  Von  großer  Bedeutung  sind
dagegen  die  nicht  durch  eine  höhere  Gewalt,  sondern  durch  Gewohnheitsrecht
  und  Verträge  geregelten  Beziehungen  der  oberen
politischenGemeinwesen  (Staaten  und  Staatenverbindungen)
zueinander;  sie  bilden  den  Gegenstand  des  Völkerrechtesb.

Zum  Staatsrecht  im  weiteren  Sinne  gehören  auch  diejenigen
Rechtsdisziplinen,  welche  Normen  für  die  Ausübung  der  Rechtspflege
  und  Verwaltung  enthalten:  Zivilprozeßrecht,  Strafrecht,
Strafprozeßrecht  und  Verwaltungsrecht.  Aber  diese  Disziplinen
werden  nicht  bloß  vom  Staatsgedanken,  sondern  auch  von  Grundsätzen
  beherrscht,  welche  den  speziellen  Zwecken,  denen  sie  dienen,
entnommen  sind.  Sie  haben  sıch  daher  zu  eigenen  Wissenschaftsgebieten
  ausgebildet.  Der  nach  Ausscheidung  dieser  Disziplinen
noch  übrigbleibende  Teil  des  Staatsrechtes  wird  als
Staatsrecht  im  engeren  Sinne  oder  Verfassungsrecht
bezeichnet;  dieses  behandelt  die  allgemeinen  Rechtsgrundsätze  über
Organisation  und  Ausübung  der  staatlichen  Herrschaft.  Das  Staatsrecht
  nimmt  daher  auch  die  Hauptgrundsätze  der  eben  erwähnten
Disziplinen  in  sich  auf;  es  erörtert,  welche  Organe  für  Rechtspflege
  und  Verwaltung  bestehen,  nach  welchen  Richtungen  hin
und  innerhalb  welcher  Schranken  diese  eine  Tätigkeit  zu  entwickeln
  haben.  Unter  dem  Ausdruck  öffentliches  Recht
werden  alle  Rechtsdisziplinen  mit  Ausnahme  des  Privatrechtes,
also  Staatsrecht  im  weiteren  Sinne,  Kirchen-  und  Völkerrecht  zusaımmengefaßt.
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Früher  wurde  oft  das  sogenannte  Privatfürstenrecht,
d.  h.  das  Familien-  und  Erbrecht  des  hohen  Adels,  als  eine  besondere
  Rechtsdisziplin  behandelt.  Dasselbe  ist  aber  in  der  Tat
nur  ein  Teil  des  Familien-  und  Erbrechtes  überhaupt,  also  des
Privatrechtes.  Jedoch  äußert  es  Wirkungen  auf  staatsrechtliche

mann,  Die  Steuer  und  das  öffentliche  Interesse  285  ff.,  Ann.D.R,  (1886)  413  £f.,
sondern  auf  der  Verschiedenheit  der  Subjekte  (Bierling,  Kritik  2  221  ff.;
Leuthold,  Öffentliches  Interesse  und  öffentliche  K  age,  Ann.D.R.  (1884)  346,
9855;  Rosin,  SchmollersJ.  8  958).

b  Über  das  Verhältnis  des  Völkerrechts  zum  Recht  der  einzelnen
Staaten  vgl.  das  bahnbrechende  Buch  von  Triepel,  Völkerrecht  und  Landesrecht
  (1899).

c  Über  die  Gliederung  des  öffentlicheu  Rechts:  Jellinek,  Staatsl.  383  ff.