Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  22.)  51

handlung  des  Reichshaushaltsetats,  sowie  für  die  Gestaltung  und  Controle
des  Rechnungswesens  geschaffen  zu  sehen,  wird  ohne  Zweifel  auch  von  Ihnen
getheilt.  Die  Erwartung  ist  daher  berechtigt,  daß  die  Vereinbarung  über  die
genannten  Gesetzentwürfe  diesmal  zu  Stande  kommen  werde.  Auch  der  in
der  vorigen  Session  nicht  erledigte  Gessetzesentwurf,  betreffend  die  Untersuchung
der  Seeunfälle,  wird  Ihnen  wiederum  vorgelegt  werden.  Die  in  der  letzten
Session  vereinbarten  Justizgesetze  sollen  nach  den  darin  enthaltenen  Bestimmungen
  spätestens  am  1.  Oktober  1879  in  Kraft  treten.  Um  diesen  Termin
einhalten  zu  können,  ist  es  nöthig,  daß  baldigst  über  den  Ort  entschieden
werde,  an  welchem  das  Reichsgericht  seinen  Sitz  haben  soll.  Ein  hierauf  bezüglicher
  Gesetzentwurf  wird  Ihnen  vorgelegt  werden.  In  den  Kreisen  der
vaterländischen  Industrie  sind  Klagen  über  den  Mangel  einer  gemeinsamen
Gesetzgebung  zum  Schutze  der  gewerblichen  Erfindungen  laut  geworden.  Um
diesem  Mangel  abzuhelfen,  ist  nach  Vernehmung  von  Sachverständigen  der
Entwurf  eines  Patentgesetzes  ausgearbeitet  worden,  welcher  Ihnen  zugehen
und  einen  hauptsächlichen  Gegenstand  Ihrer  Berathung  bilden  wird.  Leider
dauert  die  gedrückte  Lage,  in  welcher  Handel  und  Berkehr  sich  in  den  lepten
beiden  Jahren  befunden  haben,  bei  uns  wie  in  anderen  Ländern  noch  heute  fort.
Die  unausgesetzten  Erwägungen  der  verbündeten  Regierungen  über  die  Mittel,
derselben  abzuhelsen,  haben  Mir  nicht  die  Ueberzeugung  gegeben,  daß  die
inneren  Zustände  des  deutschen  Reiches  einen  wesentlichen  Antheil  an  den
Ursachen  der  Uebelstände  haben,  die  in  allen  andern  Ländern  gleichmäßig  gefühlt
  werden.  Die  Aufgabe,  augenblicklichem  und  örtlichem  Mangel  in  Beschäftigung
  arbeitsuchender  Kräfte  abzuhelfen,  liegt  den  einzelnen  Staaten
näher,  als  dem  Reich.  Insoweit  der  Wiederbelebung  des  Verkehrs  ein  Mangel
an  Vertrauen  auf  die  zukünftige  Sicherheit  der  Rechtszustände  innerhalb  Deutschlands
  etwa  im  Wege  steht,  werden  Sie  mit  Mir  solche  Besorgnisse  für  unbegründet
  halten.  Die  Organisation  des  Reiches  und  der  gesunde  Sinn  des
deutschen  Volkes  bilden  eine  starke  Schupwehr  gegen  die  Gefahren,  welche
anarchische  Bestrebungen  der  Sicherheit  und  der  regelmäßigen  Entwicklung
unserer  Rechtszustände  bereiten  konnten.  Von  auswärtigen  Gefahren  aber,
welche  aus  der  noch  #ungelosten  orientalischen  Krisis  hervorgehen  könnten,  ist
Deutschland  weniger  bedroht,  als  andere  Länder.  Meine  Politik  ist  den
Grundsätzen,  welche  sic  vom  Beginn  der  orientalischen  Verwicklungen  an  befolgt
  hat,  ohne  Schwanken  treu  geblieben.  Die  Conferenz  in  Konstantinopel
hat  leider  nicht  den  Erfolg  gehabt,  die  Pforte  zu  Gewährung  der  Zugeständnisse
  zu  vermögen,  welche  die  europäischen  Mächte  im  Interesse  der  Menschlichkeit
  und  zur  Sicherstellung  des  Friedens  für  die  Zukunft  glaubten  verlangen
  zu  sollen.  Die  Conferenzverhandlungen  haben  aber  das  Ergebniß  gehabt,
  daß  die  christlichen  Mächte  unter  sich  über  das  Maß  der  von  der  Pforte
zu  beanspruchenden  Bürgschaft  zu  einer  Uebereinstimmung  gelangt  sind,  für
welche  vor  der  Conferenz  wenigstens  ein  allseitig  anerkannter  Ausdruck  noch
nicht  bestand.  Es  ist  dadurch  ein  fester  Grund  zu  dem  Vertrauen  gewonnen,
daß  der  Friede  unter  den  Mächten  auch  dann  gewahrt  bleiben  wird,  wenn
die  Hofflnung  sich  nicht  verwirklichen  sollte,  daß  die  Pforte  aus  eigener  Entschließung
  die  Reformen  bezüglich  der  Behandlung  ihrer  christlichen  Unterthanen
  zur  Ausführung  bringen  werde,  welche  von  der  Conferenz  als  europäisches
  Bedürfniß  anerkannt  worden  sind.  Wenn  die  Erwartungen  unerfüllt
bleiben  sollten,  welche  in  dieser  Beziehung  sich  an  die  Verheißungen  der  Pforte
und  an  die  Einleitung  der  Friedensverhandlungen  mit  Serbien  und  Montenegro
  knüpfen,  so  wird  Meine  Regierung,  wie  bisher,  so  auch  ferner  bemüht
sein,  in  einer  ne,  in  welcher  die  deutschen  Interessen  ihr  eine  bestimmte
Linie  des  Verhaltens  nicht  vorschreiben,  ihren  Einfluß  zum  Schutze  der  Christen
in  der  Türkei  und  zur  Wahrung  des  europäischen  Friedens,  insbesondere  aber
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