Full text : Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirthschaft im Deutschen Reich. Dritter Jahrgang. (3)

12  Bericht  zur  Untersuchung  der  Arbeiterverhältnisse  in  Dänemark.  [594

reichend  gewesen,  wie  denn  auch  die  Aufgabe  zu  groß,  zu  schwierig  und  zu
neu  gewesen  ist;  wir  würden  uns  befriedigt  fühlen,  wenn  zugegeben  würde,
daß  unser  Gutachten  doch  wenigstens  in  einigen  Richtungen  den  richtigen
Weg  zur  wirklichen  Verbefserung  der  Stellung  der  arbeitenden  Klasse  in
der  Gesellschaft  gezeigt  hat.

Bevor  ich  jedoch  schließe,  sei  es  mir  noch  erlaubt,  an  die  gestellten
Anträge,  welche  selbstverständlich  sämmtlich  speciellen  Inhalts  find,  einige
wenige  Bemerkungen  allgemeinerer  Natur  darüber  zu  knüpfen,  wie  ich
glaube,  daß  die  Arbeiterfrage  in  ihrer  Gesammtheit  betrachtet  und  annähernd
  gelöst  werden  sollte.  Versteht  man  unter  deren  Lösung,  daß  die
Armuth  verschwinden  und  Glück  und  Zufriedenheit  für  Alle  geschaffen  wird,
so  kann  natürlich  keine  Rede  davon  sein,  daß  ein  solches  Ziel  vollständig
erreicht  wird;  denn  Arme  wird  es  stets  geben,  und  Glück  und  Zufriedenheit
wird  durch  so  viele  verschiedene  Umstände  und  Eigenschaften  bei  dem  Einzelnen
  bedingt,  daß  es  stets  gar  Viele  geben  wird,  die  diese  Güter  entbehren.
  Aber  man  kann  doch,  wo  gewisse  Bedingungen  hierfür  vorhanden
find,  hoffen,  dem  Ziele  näher  zu  kommen.  Diese  Bedingungen  find  theils
sociale  beim  Volke  selbst,  theils  beruhen  sie  auf  der  Kraft  und  dem
Willen  der  Regierung,  die  Lage  der  Arbeiter  zu  heben  und  zu  verbessern.
Wohnt  im  Volke  männliche  Kraft,  verbunden  mit  wahrer  Religiofität  und
Moralität,  und  kehrt  die  frühere  Mäßigkeit  wieder,  und  findet  sich  in  den
herrschenden  Gefellschaftsklassen  eine  politische  Bildung  und  Reife,  welche
Ehrfurcht  vor  den  ererbten  Institutionen  mit  der  Geneigtheit  vereinen,
diesen  die  Formen  zu  geben,  welche  die  fortschreitende  Entwickelung  erfordert;
und  nimmt  eine  kräftige  Regierung,  die  sich  stark  genug  fühlt,  sowohl  die
revolutionären  Neigungen  im  Zaume  zu  halten,  wie  den  großen  Forderungen
der  Zeit  Genüge  zu  leisten,  die  Arbeiterfrage  in  ihre  Hand,  dann  wird  die
Armuth  seltener  und  die  Zufriedenheit  vorherrschend  werden,  wie  das  eine
nothwendige  Bedingung  für  die  Ruhe  und  den  wirklichen  Fortschritt  der
Gesellschaft  ist.  Wenn  man  sich  nicht  scheut,  an  die  Aufgaben  heranzutreten,
  sondern  succeffive  mittelst  zweckmäßiger  Maßregeln  und  Gesetze
die  Stellung  der  Arbeiter  in  der  Gesellschaft  zu  verbessern  sucht,  dann  wird
vieler  Widerstand  gegen  eine  billige  und  gerechte  Lösung  der  Arbeiterfrage
sich  beugen,  und  viele  gute  Kräfte  mit  warmem  Interesse  für  die  Sache,
welche  sich  jetzt  beobachtend  und  abwartend  verhalten,  werden  werthvollen
  Beistand  leisten  und  dahin  wirken,  daß  das  Ziel  erreicht  werden
kann,  und  nach  und  nach  werden  immer  mehr  von  den  als  nothwendig  hervorgehobenen
  Bedingungen  als  Resultat  der  vereinten  Bestrebungen  der  Regierung
  und  tüchtiger  Mitbürger  zu  Stande  kommen.

Kopenhagen,  den  25.  Oktober  1878.

E.  Emil  Rosenörn.

Ueber  Arbeitssysteme.

Indem  die  Kommission  sich  mit  dem  Verhältnisse  zwischen  Arbeitgeber
und  Arbeiter  zu  beschäftigen  hatte,  soweit  die  industrielle  Thätigkeit  in
Betracht  kommt,  war  es  zunächst  Gegenstand  ihrer  Erwägung,  wie  sie  sich