174 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mai 5—6.)
den Winter, nicht aufgeben, d. h. natürlich für die Regel — es kann ja
nothwendig werden, auch im Sommer Reichs= und Landtage zu berufen: wir
haben uns früher nicht geweigert — ich erinnere z. B. an das Jahr 1848
und in den Jahren 1852 und 1853 — bis in den Monat Juni, Juli,
August, ja das ganze Jahr hindurch hier und auch in Erfurt zu tagen, auch
in den heißesten Sommertagen, wo Berlin von allen denen, die nicht hier
bleiben müssen, sorgfältig gemieden wird. Da bitte ich nun also die Herren,
deren Interesse sich mehr den Landtagen zuwendet, ihr Wohlwollen für ihn
nicht so weit zu treiben, daß sie die Monate Januar und Februar in der
Stadt bleiben wollen und nachher die Sommerzeit für den Reichstag resp.
für den Bundesrath übrig bleibt. Wann müßten denn die Mitglieder des
Bundesraths mit ihren Arbeiten beginnen, um im October mit der Pünctlichkeit,
die Herr v. Bennigsen verlangt und gegenwärtig vermißt, als fertige
Arbeit abzuliefern, sowohl das Budget als die übrigen Vorlagen? Es ist
als eine Ungeheuerlichkeit in der Discussion bezeichnet worden, daß jetzt überhaupt
noch Vorlagen kommen. Ja, meine Herren, Sie werden auch noch
manche erhalten, und ich will mich fragen, ob meine Pflicht nicht von mir
fordert, außer denen, die jetzt in Arbeit sind, Ihnen noch welche zuzuschicken.
Sie sind ja nicht gezwungen, sie zu verarbeiten, aber die Regierung hat doch
das Bedürfniß, Ihre Meinung vollständig zu hören und darüber in der
Oeffentlichkeit keinen Zweifel zu lassen. Der Herr Vorredner hat gesagt, es
sei früher Großes geschehen in dieser Beziehung. Nun, wir haben jetzt auch,
glaube ich, große Aufgaben vor uns stehen, und ich habe die Hoffnung, daß
auch weiter Großes geschieht. Es ist z. B vor 1½ Jahren Großes geschehen,
dadurch, daß wir in der Zollgesetzgebung wiederum auf eine verständigere
Bahn, bei der das Land der langsamen Aushungerung entzogen
wird, eingelenkt sind in die alte gute Gesetzgebung des Zollvereins — lange
nicht so weit — wir hatten damals einen höheren Schutzzoll, als wir anstrebten
und erreicht haben. Aber dieses Herausrücken des Staatswagens
und des Reichswagens aus einer fehlerhaften Richtung, bei der das Land
von Tag zu Tag Jahr zu Jahr mehr ausgehungert und ohne den
gleichzeitigen Zuschuß der Miliarden viel früher an Verblutung und Entkräftung
zu Grunde gegangen wäre, das, glaube ich, war eine große Leistung,
für die ich Anerkennung erwarte, so weit ich dabei mitgewirkt habe, wenn
auch nicht von denen, welchen dadurch ihre politischen Zirkel gestört werden.
Das Interesse an theoretischen Principien und großen Rechts= und Verfassungssätzen
und Gleichgewichtsfragen im Staate ist eben, nachdem man den
ersten Durst an der parlamentarischen Quelle dreißig Jahre lang gestillt hat,
vermindert und man sieht sich jetzt um: was erfordert unser practisches
Interesse; und auch um die practischen Interessen leichter zur Vertretung zu
bringen, würde ich erfreut. sein, wenn ich schon in dieser Session — worauf
ich nach Lage der Dinge wenig Aussicht habe — oder in der nächsten, wo
ich, wenn ich lebe, wiederum zum vierten oder fünften Male, wenn es sein
muß, dieselben Vorlagen mache, auf Erfolg rechnen dürfte. Wenn ich die
Vorlagen wieder vorbringe — und ich muß doch nach meiner Ueberzeugung
handeln, wenn ich ein ehrlicher Mann sein will, so verbinde ich damit noch
das Interesse, denjenigen, die im Volk eine Beschäftigung haben, der sie für
die Dauer ihrer Theilnahme an den parlamentarischen Debatten entsagen
müssen, für den Fall der Annahme eines Mandats die Theilnahme etwas
zu erleichtern, damit sie nicht genöthigt sind, in jedem Jahre an zwei Parlamenten
theilzunehmen. Wenn wir das nicht thun, machen wir den Leuten,
die im practischen Leben stehen, die irgend etwas materiell produciren, den
Handwerkern, Kaufleuten, Advocaten, Aerzten mit wirklicher Praxis, Landwirthen,
Fabrikbesitzern, Industriellen, Leuten, deren practische Erfahrungen