Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Zweiundzwanzigster Jahrgang. 1881. (22)

Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Mitte Juli - 31.) 221

hätten  also  die  entschiedene  Mehrheit,  aber  doch  nicht  die  zur  Abänderung
  verfassungsmäßiger  Bestimmungen  erforderliche  Mehrheit
von  106  Stimmen.

Mitte  Juli.  (Elsaß-Lothringen.)  In  der  für  die  bevorstehenden
  Reichstagswahlen  auch  in  den  Reichslanden  bereits  eingetretenen
  Wahlbewegung  sieht  sich  die  sog.  Autonomisten-Partei
völlig  an  die  Wand  gedrückt,  um  den  Protestlern  und  Ultramontanen
  das  Feld  zu  überlassen.

Die  „Köln.  Ztg.“  macht  den  Stattthalter  v.  Manteuffel  hiefür  verantwortlich.
  Die  Bildung  einer  deutschfreundlichen  Partei  in  den  Reichslanden,
  sagt  sie,  sei  nur  auf  Grundlage  der  liberalen  Elemente  im  Verein
mit  den  eingewanderten  Beamten  möglich,  die  Regierung  Manteuffel's  aber
ersichtlich,  wenn  auch  vielleicht  unbewußt,  gegen  beide  gerichtet  gewesen.

Mitte  Juli.  (Preußen.)  In  Berlin  ist  zwischen  den  Conservativen
  und  den  Antisemiten  ein  Bruch  eingetreten.  Die  Conservativen
  beginnen  ersichtlich,  sich  von  der  antisemitischen  Agitation,
auch  derjenigen  Stöckers,  zurückzuziehen.  Die  ohnehin  geringen  Aussichten
  derselben,  bei  den  Reichstagswahlen  in  Berlin  auch  nur  in
einem  oder  zwei  Wahlkreisen  gegen  die  Fortschrittspartei  durchzudringen,
  werden  dadurch  noch  schwächer.

20.  Juli.  (Preußen.)  Fortgang  der  Eisenbahn-Verstaatlichung:
  die  Regierung  macht  der  Bergisch-Märkischen  und  der  Berlin-Anhalt-Bahn
  ec.  Propositionen  zum  Ankauf.

21.  Juli.  (Bayern.)  Allgemeine  Wahlen  zum  Landtag.
Das  Resultat,  ein  erhebliches  Uebergewicht  der  Ultramontanen  über
die  Liberalen,  stand  schon  nach  demjenigen  der  Wahlmänner  fest.
Unter  den  Gewählten  ist  auch  der  conserv.-  orthodoxe  Protestant  Reg.-Rath
  Luthardt,  der  sich,  vielleicht  mit  noch  1  oder  2  anderen  Protestanten
  als  besondere  Fraction  der  ultramontanen  Pariei  im  Landtage
  anschließen  wird.  

24  —  31.  Juli.  (Deutsches  Reich.)  Deutsches  Bundesschützenfest
  in  München.  Dasselbe  verläuft  sehr  glänzend.  Die
zahlreich  erschienenen  Oesterreicher  werden  der  Stammesverwandtschaft
wegen  ganz  befonders  gefeiert.

31.  Juli.  (Preußen.)  Die  Regierung  hat  sich  mit  der
Curie  bez.  der  Besetzung  des  verwaisten  Bischofsstuhls  von  Trier
über  eine  beiden  genehme  Persönlichkeit  verständigt.  Dieß  ist  der
Erzpriester  Dr.  Korum  in  Straßburg,  ein  geborener  Elsässer.  Der
für  Trier  gewählte,  aber  von  der  Regierung  abgelehnte  de  Lorenzi
hat  in  Folge  davon  resignirt,  wodurch  die  Besetzung  des  Bischofs-