240 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Sept. 4—5.)
liken Mittel- und Niederschlesiens, insonderheit die Katholiken derjenigen
Kreise, welche eine starke katholische Minderheit besitzen, auf, mit aller
Energie, gemäß den Festsetzungen der Breslauer Versammlung vom 13. Juli
in den Wahlkampf einzutreten. Die Generalversammlung, festhaltend an
dem göttlichen und historischen Rechte, welches die Kirche auf
die Erziehung der Jugend hat, wiederholt alle früheren Forderungen
bezüglich der Schule und verlangt das Mitanssichtsrecht der Kirche über die
Schule und die Errichtung solcher confessionellen Schulen, in denen die Ertheilung,
Leitung und Beaufsichtigung des „Religionsunterrichts ausschließlich
durch die lirchlichen Organe geschieht. Die Generalversammlung protestirt
gegen die Verdrängung der polnischen, mährischen und resp. böhmischen
Muttersprache aus denjenigen Schulen, welche von Kindern flavischer Zunge
besucht werden, und verlangt den Gebrauch ihrer Muttersprache bei Ertheilung
des schulplanmäßigen Religionsunterrichis und bei der Einübung des
Kirchenliedes. Die Generalversammlung verlangt Beseitigung der Simultanschule
und protestirt gegen die Anstellung von andersgläubigen Aufsichtsbeamten
über katholische Schulen.“
Gleichzeitig wird ein vertrauliches Circular der Conservativen
Schlesiens bekannt, wonach die Conservativen bei den Reichstags-Stichwahlen
für das Centrum stimmen wollen; das letztere will
seinerseits für die Conservativen stimmen, sobald diese genügende
Erklärungen über ihre Haltung im Culturkampfe abgeben.
4. September. (Preußen.) Trotz der scharfen Instructionen
der Regierung findet in Stolp (Pommern) eine neue Judenverfolgung
statt. Ohne jeden Anlaß werden jüdische Häuser demolirt. Das
requirirte Militär muß, da die Aufforderung an die Massen, sich
zu entfernen, mit Steinwürfen beantwortet wird, mit scharfer Waffe
vorgehen. Es werden 16 Personen verwundet, 30 verhaftet. Das
Berliner (antisemitische) „Deutsche Tageblatt“ schreibt die Schuld
an den Excessen den Juden zu, andere Berichte widerlegen jedoch
diese Behauptung. In Berlin felbst findet man in belebten Straßen
gedruckte Zettel mit den Worten „Juden 'raus!“
5—8. Seplember. (Deutsches Reich.) Generalversammlung
der Katholiken Deutschlands in Bonn. Die Präsenzliste weist 1054
Mitglieder auf, denen sich noch ca. 1000 Theilnehmer angeschlossen
haben, Reichstags- und Landtagsmitglieder sowie der ultramontane
Adel haben sich zahlreich eingefunden. Der Papst sowie die (abgesetzten)
Bischöfe und Erzbischöfe von Cöln, Posen und Münster
senden der Versammlung ihren Segen. Dieselbe nimmt eine Resolution
an, die von Windthorst in einer sehr nachdrücklichen Rede
erläutert wird.
In seinem Resumé führt Windthorst aus: Die alljährlich sich wiederholenden
Versammlungen bewiesen, daß die Katholiken auf dem Posten seien
und nicht eher abrüsten wollten, bis ihnen ihr volles Recht