Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

226  49.  Pinneberger  Kreistag.  —  50.  Zolltarifgesetz.

49.  Festmahl  des  Pinneberger  Kreistages.

Am  21.  September  1901.

Am  21.  September  veranstaltete  der  in  Altona  tagende  Pinneberger  Kreistag
in  dem  an  der  Straße  nach  Blankenese,  nahe  bei  Kleinflottbek  gelegenen  Parthotel
ein  Festmahl.  Kleinflottbek  ist  der  Geburtsort  des  Grafen  von  Bülow;  hier  brachte
er  bei  seinem  Vetter  Rücker-Jenisch  einen  Teil  seines  Sommerurlaubes  zu;  ihm  galt
denn  auch  dieses  Fest.  An  dreißig  Kreistagsabgeordnete  hatten  sich  dazu  eingefunden,
darunter  der  Klosterpropst  Graf  von  Moltke,  Emil  Prinz  Carolath  auf  Haseldorf,  die
Vertreter  von  Elmshorn,  Untersee  und  anderen  Städten  des  Kreises  und  eine  Anzahl
ländlicher  Hosbesitzer  und  Gemeindevorsteher.

Der  Landrat  des  Kreises  Dr.  Schleiff  brachte  ein  begeistert  ausgenommenes  Hoch
auf  den  Kaiser  aus  und  gab  der  Freude  der  Kreistagsabgeordneten  Ausdruck  darüber,
den  Reichskanzler  in  ihrer  Mitte  zu  sehen.

Reichskanzler  Graf  von  Bülow  antwortete  aus  dem  Stegreif  und
sagte  u.  a.:

er  hoffe,  daß  seine  engeren  Landsleute  durch  ihre  Anhänglichkeit  an
ihn  auch  fernerhin  beweisen  würden,  wie  das  Wort  von  dem  Propheten,  der
nichts  in  seinem  Vaterlande  gelte,  auf  die  Holsteiner-Pinneberger  nicht
zutreffe.  Er  lobte  den  Landrat,  daß  er  das  eigentliche  politische  Gebiet
nicht  berührt  habe.  Wenn  er  auch  nicht  behaupten  wolle,  daß  die  Politk
unbediugt  den  Charakter  verderbe,  was  für  ihn  und  seine  politischen
Berufsgenossen  zu  betrübend  sein  würde,  so  trinke  man  in  gegenwärtiger
Zeit  sein  Glas  Wein  doch  in  größerer  Ruhe,  wenn  man  die  Politik  zu
Hause  lasse.

Der  Reichskanzler  fügte  aber  doch  hinzu,  er  sei  überzeugt,  auch  in  allen
wesentlichen  politischen  Punkten  sich  mit  seinen  Tischgenossen  zu  verstehen.
Im  Pinneberger  Kreise  wären  die  drei  großen  Zweige  des  heimischen
Erwerbslebens  vertreten:  die  Landwirtschaft,  welche  sich  vielfach  in  bedrängter
  Lage  befinde  „und  der  wir  helfen  müssen  und  wollen  und  werden“;
die  Industrie,  die  jetzt  leider  eine  Zeit  der  Depression  durchmache,  und
deren  Interessen  die  ernsteste  und  gewissenhafteste  Berücksichtigung  verdienten;
  unser  weltumspamender  Handel,  dessen  Hauptverkehrsader  an
dem  Pinneberger  Kreise  vorüberfließe.  Darum  werde  gerade  dieser  Kreis
Verständnis  für  die  wirtschaftliche  Politik  der  Regierung  Seiner  Majestät
des  Kaisers  haben,  welche  jedem  das  Seine  geben  wolle,  getreu  dem  alten
Hohenzollernschen  Wahlspruch:  Suum  cuigque.