428 Uebersicht der polilischen Enkwichelung des Jahres 1883.
die an Zahl immer wachsenden Fremden d. h. Europäer und ihren
mehr und mehr alles entscheidenden Einfluß, dem sich auch der
Chedive nicht entgiehen konnte, vielmehr teils freiwillig hingab,
teils fügte. Man kann unbedenklich zugeben, daß Arabi hierin
mit einiger Vorsicht vorging und sich vorerst namentlich hütete,
den großen Interessen, die mit dem Sueczkanal zusammenhingen,
direkt zu nahe zu treten; aber im letzten Kern ging sein ganzes
Dichten und Trachten doch dahin, den Einfluß Europas und der
europäischen Elemente des Landes zunächst einzuschränken und womöglich
ganz zu beseitigen: wem aber das Land gehört, der hat
thatsächlich notwendig auch die Herrschaft über den Suezkanal. Durch
den Suezkanal ist jedoch Agypten ein Weltknotenpunkt geworden wie
Konstantinopel und der Bosporus, augenblicklich sogar wichtiger als
diese. Um den Besitz des Weltknotenpunktes Agypten können die verschiedenen
europäischen Mächte unter sich streiten, aber im gemeinsamen
Inkeresse aller muß er in irgend welcher Weise in der Hand
Europas sein und bleiben, er darf nicht wieder dem Islam Preis
gegeben und kann nicht in die Hände der unfähigen und ihrer
Aufgabe durchaus nicht gewachsenen eingeborenen Elemente gelegt
werden. Mit der Zeit muß das Nildelta vollständig enropäüsiert
und von Europa aus spstematisch kolonisiert werden, wenn auch
diese Zeit nur allmählich herantritt und vorerst nicht abzusehen ist,
wie es geschehen soll. Jedenfalls stand Arabi dieser Zukunft entschieden
im Wege und suchte sogar mit vollem Bewußtsein dieses
künftige Schicksal von seinem Lande, seiner Nationalität und seinem
Glauben abzuwenden. Seine Devise „Agypten für die Agypter“ fand
selbst in Europa, wo die Nationalitätsfrage, berechtigt und unberechtigt,
sich mehr und mehr zu einem bestimmenden Faktor der Politik
emporringt, vielfachen Anklang und blendete viele, die nicht einahen,
daß die Agypter nach Jahrhunderte langer Knechtschaft unter
wechseluden, aber immer fremden Herren zur Selbstregierung ganz
und gar unfähig geworden sind. Namentlich in Frankreich war
das der Fall, zumal es gerade damals tief in inneren Parteikämpfen
steckte, die seinen klaren Blick verwirrten und es von auswärtigen
Dingen vielfach abzogen.
Die Engländer ließen sich dagegen über die eigentlichen und
letzten Ziele Arabi's und die Gefahr, die von ihm für den Suegkanal,
der für England ein Lebensinteresse ersten Nanges ist, drohte,
nicht täuschen. Sie beschlossen, einzugreifen und durchzugreifen und