Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

21.  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  13.—14.)

ziert  keineswegs  dem  Ems-Weser-Kanal  und  schließt  auch  die  Anlage  des
Weser-Elbe-Kanals  nicht  aus.  Eine  Rücksicht  auf  die  Eisenbahnrente  ist  nicht
maßgebend,  denn  der  Staat  will  mit  dem  Bahnbesitz  nicht  eine  hohe  Rente
erreichen,  sondern  dem  öffentlichen  Interesse  dienen.  Es  kommt  der  Regierung
darauf  an,  zu  erfahren,  wie  die  öffentliche  Meinung  zur  Vermehrung  der
Wasserstraßen  steht.  Ich  bitte,  die  Vorlage  einer  eingehenden  Prüfung  sine
ira,  aber  umsomehr  cum  studio  zu  unterziehen.  Geben  Sie  uns  den  Mut,
auf  dem  beabsichtigten  Wege  fortzuschreiten;  Sie  werden  mit  der  Inanguration
  dieses  Kanalsystems  einen  Denkstein  gesetzt  haben  in  der  weiteren  Entwickelung
  des  Landes.

13. Februar.  (Preußen.)  Das  Schöffengericht  in  Magdeburg
  erklärt  die  allzustrenge  Sonntagsverordnung  des  Oberpräsidenten
  v.  Wolff  für  die  Provinz  Sachsen  für  ungesetzlich.  Einer
Deputation  aus  der  Provinz  wider  dieselbe  erklärt  der  Minister
v.  Puttkamer,  er  halte  sie  für  formell  gesetzlich,  obgleich  er  als
Oberpräsident  sie  nicht  erlassen  haben  würde.  Bis  zum  Austrag
der  Sache  durch  alle  gerichtlichen  Instanzen  müsse  er  ein  Einschreiten
ablehnen.  Die  Übergengung  ist  indes  allgemein,  daß  die  Regierung
die  Verordnung  gegen  das  energische  Widerstreben  der  Bevölkerung
unmöglich  werde  aufrecht  erhalten  können.

14.—16.  Februar.  (Deutsches  Reich.)  Reichstag:  3.  Lesung
des  Etats  für  1883.84.  Derselbe  beschließt  darauf,  nach  einem  mit
Ermächtigung  des  Kaisers  eingebrachten  Antrage  des  Reichskanzlers,
sich  bis  zum  3.  April  zu  vertagen.

Sowohl  in  der  General=  als  in  der  Spezialdebatte  erneuert  E.  Richter
  seine  Angriffe  gegen  das  Militär,  doch  mit  dem  Beifügen,  er  und  feine
Freunde  von  der  Fortschrittsparlei  seien  gegen  Mehrforderungen  nur  aus
sachlichen  Gründen,  nicht  aus  Antipathie  gegen  das  Heer;  sie  liebten  dieses
gleich  den  Ronservativen  und  beklagten  nur  das  Bestreben  dieser  letzteren,
Heer  und  Volk  zu  treunen.  v.  Schorlemer  bestreitet  dagegen  Richter,  der
nie  dabei  gewesen  und  den  Kanonendonner  nur  aus  den  Zeitungen  kenne,
jede  Kompetenz  zu  solchen  Reden  und  meint:  „Gott  bewahre  unser  Vaterland
vor  einer  Armee  und  einem  Offizierskorps    im  Sinne  Richters!“  Trotzdem
werden  von  der  Fortschrittspartei  und  den  noch  weiter  nach  links  stehenden
Fraktionen  wiederum  eine  Menge  Detailbeschwerden  gegen  das  Militär  vorgebracht,
  die  der  Kriegsminister    v.  Kameke  ruhig  beantwortet,  wobei  er  meist
genaue  Untersuchung  in  Aussicht  stellt.  Die  in  2.  Lesung  beschlossenen  Abstriche
  am  Militäretat  werden  jedoch  durchweg  aufrecht  erhalten.  So
namentlich  auch  mit  1069  gegen  141  Stimmen  in  namentlicher  Abstimmung
die  Verweigerung  des  Kredits  für  eine  Unteroffiziersschule  in  Neubreisach
  im  Elsaß.  Dafür  stimmen  die  Konservativen,  die  Freikonservativen
und  die  Nationalliberalen  ausnahmelos,  einige  Zentrumemitglieder  und  die
meisten  Sezessionisten.  Die  Linke  ruft  Bravo.  Beim  Postetat  wird  nach
dem  Antrag  der  Budgetkommission  eine  Resolution  beschlossen,  wonach  die
Gewährung  von  Darlehen  an  Erbauer  von  Dienstgebänden  für  die  Postund
  Telegraphenverwaltung  von  der  vorherigen  Zustimmung  des  Reichstags
abhängig  sein  soll.  Die  Resolution  Lingens  wegen  Beschränkung  des
Postverkehrs  an  Sonn-  und  Festtagen  wird  abgelehnt.  Schließlich  wird  das