Gründe für König Friedrichs Sieg. 15
verdiente, aus einem so ungleichen (disproportionnée) Kampf siegreich
hervorzugehen. Er war besonders groß in verzweifelten Augenblicken.
Das ist das schönste Lob, das man seinem Charakter spenden
kann. Aber es steht fest, er hätte nicht einen einzigen Feldzug Frankreich,
Osterreich und Rußland widerstanden, wenn diese Mächte
zusammengewirkt hätten. Er hätte nicht zwei Feldzüge gegen
Osterreich und Rußland durchhalten können, wenn das Kabinett
von St. Petersburg seinen Armeen gestattet hätte, im Operationsgebiet
zu überwintern. Das Wunder des Siebenjährigen Krieges
verschwindet also. Aber was wirklich bleibt, rechtfertigt den Ruf,
den die preußische Armee während der letzten fünfzig Jahre des
vorigen Jahrhunderts genoß, und befestigt, statt zu erschüttern, den
großen kriegerischen Ruf Friedrichs.“
Diesen Urteilen der beiden großen Feldherren kann die Nachwelt
sich anschließen. Sie singen nicht das Loblied der Ermattungsstrategie.
Beide stimmen darin überein, daß für Friedrich den
Großen trotz seiner überlegenen Kriegführung und seiner unerreichten
Seelenstärke ein Sieg nur durch die Fehler seiner Gegner
möglich war. Ihnen trug der König Rechnung.
Es drängt sich die Frage auf: Hatten wir im Weltkriege mit
Gegnern zu rechnen, die solche Fehler machten? Die Frage wird
von jedem verneint werden. Wir konnten sicher sein, daß unsere
Feinde in einheitlichem Handeln uns zu vernichten streben würden.
Unsere Lage war also ganz anders als die, in der der große König
siegte.
Es würde mich zu weit führen, den strategischen Gedanken
des Königs im einzelnen nachzugehen. Ich kann nur dringend
empfehlen, seine Schriften aufmerksam zu lesen. Das bietet in
unserer kraftlosen Zeit einen hohen Genuß und einen inneren
Gewinn.
Um aber die Möglichkeit zu geben, sich ein selbständiges Urteil
über das strategische Denken des Königs zu bilden, entnehme ich aus
den Schriften dieses großen Feldherrn, Monarchen und Menschen
einige Stellen, die zwar vielen bekannt sein dürften, aber nicht oft
genug ins Gedächtnis zurückgerufen werden können.