Full text : Historische Untersuchungen. Heft V. (5)

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glimmende  Funke  zog  aus  dem  kirchlichen  Zwiespalt  und  der
gewaltigen  Erregung  der  Gemüter  neue  Nahrung;  das  wiedergebrachte
  Evangelium,  welches  ein  Evangelium  der  christlichen
Freiheit  gegenüber  dem  Zwange  der  Autoritäten,  der  Formeln  und
Bräuche,  in  welche  die  katholische  Lehre  das  Leben  des  Christen
eingeschnürt  hatte,  sein  wollte,  wurde  von  den  Unterdrückten  milsverstanden
  als  eine  Verkündigung  der  sozialen  Freiheit  und  Gleichheit;
  statt  der  Seligkeit  im  Jenseits,  auf  welche  das  Evangelium
Aussicht  machte,  gedachten  sie  schon  auf  Erden  ihrer  Bürden  ledig
zu  werden.  Dergestalt  in  den  Strudel  dieser  Wirren  tief  hineingezogen,
  wurde  die  lutherische  Lehre  auch  wiederum  von  dem
Mifserfolg  des  Aufstandes  mit  betroffen.  Bis  dahin  war  die  Möglichkeit
  keineswegs  ausgeschlossen  gewesen,  dafs  der  Druck  von
unten  die  katholisch  gesinnten  Stände  zwingen  würde,  dem  Evangelium
  beizutreten;  nach  der  Niederwerfung  des  Aufstandes  war
daran  kaum  mehr  zu  denken;  wenigstens  zunächst  sah  sich  das
Luthertum  vielmehr  in  die  Defensive  gedrängt,  ja  an  vielen  Orten
erfolgten  blutige  Reaktionen,  welche  weniger  fast  die  Empörer  als
die  Anhänger  der  neuen  Lehren  heimsuchten.  Das  populäre  Element,
  in  welchem  bis  dahin  die  eigentliche  Stärke  des  Luthertums
gelegen,  hatte  eine  tiefe,  schwere  Wunde  empfangen,  von  der  es
sich  in  vollem  Mafse  nicht  wieder  erholt  hat.

Bei  alledem  hatte  die  lutherische  Lehre  bereits  viel  zu  tief
im  innersten  Herzen  der  Nation  Wurzel  geschlagen,  als  dafs  sie
sich  auch  nach  dem  DBauernkriege  ernstlich  gefährdet  gesehen
hätte.  Die  Bewegung  veränderte  nur  ihren  Charakter.  Wie  überhaupt
  die  siegreichen  Obrigkeiten,  die  Territorialgewalten,  zumal
die  weltfürstlichen,  den  Gewinn  aus  dem  Bauernkriege  zogen,  so
traten  dieselben  jetzt  auch  malsgebend  in  den  Vordergrund  der
kirchlichen  Reformbewegung.  Diese  verlor  ihren  volkstümlichen
Charakter;  sie  wurde  jetzt  in  erster  Linie  eine  Sache  der  Obrigkeiten.
  Da  fragte  es  sich  denn  freilich,  ob  nicht  diese  innere
Wandlung,  die  Überweisung  des  Luthertums  an  die  Partikulargewalten,
  jede  Hoffnung  auf  Erhaltung  der  kirchlichen  Einheit  der
Nation  von  vornherein  vereiteln  müsse.  Allein  wenn  auch  unter
den  Obrigkeiten  —  und  zwar  gerade  unter  denen  des  mehr  als  je
zuvor  malsgebenden  weltfürstlichen  Standes  —  die  abweichendsten
Ansichten  ihre  Vertreter  fanden,  so  konnte  nun  doch  nach  den
letzten  Ereignissen  kein  Weiterblickender,  ob  altgläubig,  ob  lutherisch,
sich  mehr  der  Einsicht  entziehen,  dafs  die  bestehenden  Zustände