— 13 —
glimmende Funke zog aus dem kirchlichen Zwiespalt und der
gewaltigen Erregung der Gemüter neue Nahrung; das wiedergebrachte
Evangelium, welches ein Evangelium der christlichen
Freiheit gegenüber dem Zwange der Autoritäten, der Formeln und
Bräuche, in welche die katholische Lehre das Leben des Christen
eingeschnürt hatte, sein wollte, wurde von den Unterdrückten milsverstanden
als eine Verkündigung der sozialen Freiheit und Gleichheit;
statt der Seligkeit im Jenseits, auf welche das Evangelium
Aussicht machte, gedachten sie schon auf Erden ihrer Bürden ledig
zu werden. Dergestalt in den Strudel dieser Wirren tief hineingezogen,
wurde die lutherische Lehre auch wiederum von dem
Mifserfolg des Aufstandes mit betroffen. Bis dahin war die Möglichkeit
keineswegs ausgeschlossen gewesen, dafs der Druck von
unten die katholisch gesinnten Stände zwingen würde, dem Evangelium
beizutreten; nach der Niederwerfung des Aufstandes war
daran kaum mehr zu denken; wenigstens zunächst sah sich das
Luthertum vielmehr in die Defensive gedrängt, ja an vielen Orten
erfolgten blutige Reaktionen, welche weniger fast die Empörer als
die Anhänger der neuen Lehren heimsuchten. Das populäre Element,
in welchem bis dahin die eigentliche Stärke des Luthertums
gelegen, hatte eine tiefe, schwere Wunde empfangen, von der es
sich in vollem Mafse nicht wieder erholt hat.
Bei alledem hatte die lutherische Lehre bereits viel zu tief
im innersten Herzen der Nation Wurzel geschlagen, als dafs sie
sich auch nach dem DBauernkriege ernstlich gefährdet gesehen
hätte. Die Bewegung veränderte nur ihren Charakter. Wie überhaupt
die siegreichen Obrigkeiten, die Territorialgewalten, zumal
die weltfürstlichen, den Gewinn aus dem Bauernkriege zogen, so
traten dieselben jetzt auch malsgebend in den Vordergrund der
kirchlichen Reformbewegung. Diese verlor ihren volkstümlichen
Charakter; sie wurde jetzt in erster Linie eine Sache der Obrigkeiten.
Da fragte es sich denn freilich, ob nicht diese innere
Wandlung, die Überweisung des Luthertums an die Partikulargewalten,
jede Hoffnung auf Erhaltung der kirchlichen Einheit der
Nation von vornherein vereiteln müsse. Allein wenn auch unter
den Obrigkeiten — und zwar gerade unter denen des mehr als je
zuvor malsgebenden weltfürstlichen Standes — die abweichendsten
Ansichten ihre Vertreter fanden, so konnte nun doch nach den
letzten Ereignissen kein Weiterblickender, ob altgläubig, ob lutherisch,
sich mehr der Einsicht entziehen, dafs die bestehenden Zustände