Full text : Europäischer Geschichtskalender. Fünfundzwanzigster Jahrgang. 1884. (25)

516  AUebersicht  der  politischen  Enlmichtlung  des  Jahrts  1884.

Es  ist  wahrhaftig  sehr  begreiflich,  wenn  die  unbefangene  öffentliche
  Meinung  in  Frankreich  außer  Paris  dem  tongkingesischen  Kriege,
der  soviel  Geld  und  Blut  kostet,  wenig  geneigt  ist.  Sie  läßt  sich
ihn  gefallen,  solange  es  auf  dem  fernen  Kriegsschauplatz  gut  oder
doch  leidlich  geht,  aber  mehr  nicht,  und  der  erste  Rückschlag  könnte
verhängnisvoll  werden,  wenn  die  verhaltene  Unzufriedenheit  plötzlich
und  machtvoll  hervorbrechen  würde.  Denun  ein  wirkliches  Bedürfnis
nach  Kolonialbesitz  haben  die  Franzosen,  im  entschiedensten  Gegensatz
gegen  die  Deutschen,  ganz  und  gar  nicht.  Es  ist  lediglich  kriegerischer
Ehrgeiz  und  Herrschsucht,  die  sie  in  diese  Richtung  getrieben  haben,
seit  ihnen  jede  derartige  Befriedigung  innerhalb  Europas  versagt  ist.
Die  wie  sie  meinen  glorreiche  Eroberung  weiter  Herrschaftsgebiete
steht  für  sie  durchaus  in  erster  Linie,  die  Nutzbarmachung  derselben
für  Frankreich  erst  in  zweiter  oder  gar  dritter.  Eigene  Kolonisten,
um  ihre  Eroberungen  zu  besiedeln,  haben  sie  bei  ihrem  minimalen
jährlichen  Bevölkerungsüberschuß  gar  nicht,  nicht  einmal  für  das
nahegelegene  Algier,  ganz  abgesehen  davon,  daß  sich  Tongking  für
solche  bei  seinen  klimatischen  Berhältnissen  gar  nicht  eignen  würde.
Tongking  hat  Frankreich  bereits  Hunderte  von  Millionen  gekostet,
bis  jetzt  aber  sozusagen  gar  nichts  eingetragen  und  stellt  solches  auch
gar  nicht  oder  doch  nur  in  sehr  bescheidenem  Maße  in  Aussicht.
Selbst  der  einträgliche  Handel  mit  dem  Lande  liegt  nicht  ausschließlich
  oder  doch  vorzugsweise  in  den  Händen  der  Franzosen,  sondern
vielmehr  notorisch  in  denen  der  Engländer  und  Deutschen.  Alles,
was  selbst  die  Regierung  vor  den  Augen  der  Franzosen  flunkern
lassen  konnte,  waren  angeblich  reiche  Metallschätze  in  dem  übrigens
noch  nicht  eroberten  Ober-Tongking  an  der  chinesischen  Grenzge,  aber
auch  diese  lediglich  als  Gegenstände  der  Spekulation,  nicht  der  materiellen
  Arbeit.  Wir  Deutsche  haben  in  der  That  Mühe  zu  begreifen,
daß  die  Franzosen  das  ganze  weitaussehende  und  bis  jetzt  unfruchtbare
  Unternehmen  nicht  längst  aufgegeben  haben  und  können  es  uns
nur  aus  der  überschießenden  kriegerischen  Kraft  der  französischen  Nation
erklären,  die  anderwärts  keine  Bethätigung  findet.  Dadurch  wird
aber  allerdings  ein  nicht  unerheblicher  Teil  der  militärischen  Streitkräfte
  Frankreichs  in  weiter  Ferne  festgenagelt  und  gewissermaßen
lahm  gelegt.  Die  Franzosen  fangen  an  dies  auch  einzusehen;  uns
Deutschen  kann  es  schon  recht  sein.

Frankreich  dagegen  hätte  umsomehr  Ursache,  sich  die  hartnäckige
  Verfolgung  derartiger,  nicht  notwendiger,  aber  sehr  kostspieliger