Zum Sturm und zur See. 201
Und Landwehrmann Goldmann, der an den Ostertag von 1848 denkt,
ruft inmitten des anhaltenden Kartätschenhagels ruhig aus: „O Hannemann,
du gehst jetzt in die Motten, dein' Ostereier sind mordmäßig schlecht gesotten!“
Füsilier Möse, dem eine Kugel die Pfeife, aus der er raucht, fortreißt, sagt
lachend: „Na, nur nicht so dichte ’ran!“
Unterdessen wütet fort und fort der Kampf; in wildem, erbarmungslosem
Gemetzel geraten die Kolonnen ineinander, denn jeder will der erste auf den
zu erobernden Schanzen sein. Es ist das grauenhafte Bild des Krieges! Nach
heldenmütigen Anstrengungen werden in der kurzen Zeit von zwanzig Minuten
sechs Schanzen genommen. Die erste hat die Sturmkolonne der preußischen
Garde erobert, und zum Tode getroffen sinkt Major von Beeren neben der
Fahne nieder, die als erstes Siegeszeichen sich stolz über dem heruntergerissenen
Danebrog bauscht.
Ganze Haufen Verstümmelter liegen bei den erstürmten Wällen. Ein
Gefreiter, im Gefechte verwundet, will nicht zum Verbandplatz; „Herr Leutnant,
ich bleibe mit vorn“, sagt er und stürmt weiter vorwärts. Und dem
tapferen Untergebenen sucht sein Vorgesetzter zuvorzukommen, um früher als er
die Schanze zu gewinnen. So thut jeglicher, was er kann, ja oft fast mehr,
als menschliche Kräfte unter gewöhnlichen Verhältnissen vermögen. In solchen
Lagen wird gar mancher Mann zum Helden.
„Ich werde mir opfern!“ sagt großherzig Pionier Klinke. „Denn
hinein müßt ihr, Kameraden!“ ruft er der hinter ihm herstürmenden Schar zu,
welche vor den Palissaden des Grabens im Kartätschenfeuer stillstehen muß.
Und mit der Hand zündet er in heiligem Heldeneifer den Pulversack an, der
bei seinem Emporfliegen die Palissaden und ihn selbst zerreißt.
Hauptmann Ribbentrop fährt mit seiner Batterie mitten in die feindliche
Stellung hinein, wird umringt, weigert sich aber, Pardon zu nehmen.
mit Säbel und Kantschu verteidigt sich das Häuflein, bis Hilfe naht; dann
protzt die Batterie ab und überschüttet den Brückenkopf mit Kugeln. Die
„Tapfersten der Tapferen", die Fünfunddreißiger und die Sechziger, stürmen
unaufhaltsam bis zu den Schanzen des Brückenkopfes vor und nehmen die noch
nicht eroberten Werke.
„Hier sind wir die ersten!“ ruft Hauptmann von Cranach und sinkt
zerschmettert zu Boden. Dort trifft eine Kugel die Brust des Fähnrichs de
Couvenant und dringt neben der Tapferkeitsmedaille in das brave Herz;
dort blutet unter seiner aufgepflan zten Fahne Feldwebel Probst; dort fällt
General von Raven mit dem Rufe: „Ein General muß auch für seinen König
sterben — vorwärts, Kameraden!“
„Weh deit et höllisch“, sagte nachher ein verwundeter Westfale, „aber et
war doch schön! Junge, wat hebben wi drein gefluscht!“ — Doch wer nennt
alle die Helden — da jeder ein Held!
„Hut ab vor solcher Armee!“ rief ein österreichischer Offizier, der Augenzeuge
des Kampfes war, und ein französischer Oberst bestätigte das Lob, indem
er mit echt französischem Pathos ausrief: „Mit solchen Truppen kann man die
Welt erobern.“