Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

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nicht  zu  lassen  wußte  und  ein  großes  Fest  anstellte.  Er  lud
nicht  bloß  seine  Verwandten,  Freunde  und  Bekannten,  sondern
auch  die  weisen  Frauen  dazu  ein,  damit  sie  dem  Kinde  hold
und  gewogen  wären.  Es  waren  ihrer  dreizehn  in  seinem
Reiche.  Weil  der  König  aber  nur  zwölf  goldene  Teller  hatte,
so  mußte  eine  von  ihnen  daheim  bleiben.  Das  Fest  ward  mit
aller  Pracht  gefeiert,  und  als  es  zu  Ende  war,  beschenkten  die
weisen  Frauen  das  Kind  mit  ihren  Wundergaben:  die  eine
mit  Tugend,  die  andere  mit  Schönheit,  die  dritte  mit  Reichtum
und  so  mit  allem,  was  auf  der  Welt  zu  wünschen  ist.  Als
elf  ihre  Sprüche  eben  getan  hatten,  trat  plötzlich  die  dreizehnte
  herein.  Sie  wollte  sich  dafür  rächen,  daß  sie  nicht
eingeladen  war.  Ohne  jemand  zu  grüßen  oder  nur  anzusehen,
rief  sie  mit  lauter  Stimme:  „Die  Königstochter  soll  sich  in
ihrem  fünfzehnten  Jahr  an  einer  Spindel  stechen  und  tot  hinfallen.“"
  Und  ohne  ein  Wort  weiter  zu  sprechen,  kehrte  sie
sich  um  und  verließ  den  Saal.  Alle  waren  erschrocken;  da
trat  die  zwölfte  hervor,  die  ihren  Wunsch  noch  übrighatte,
und  weil  sie  den  bösen  Spruch  nicht  aufheben,  sondern  nur
mildern  konnte,  so  sagte  sie:  „Es  soll  aber  kein  Tod  sein,
sondern  ein  hundertjähriger  tiefer  Schlaf,  in  den  die  Königstochter
  fällt.“

Wie  Dornröschen  verzaubert  wurde.

Der  König,  der  sein  liebes  Kind  vor  dem  Unglück  gern
bewahren  wollte,  ließ  den  Befehl  ausgehen,  daß  alle  Spindeln
im  ganzen  Königreiche  sollten  verbrannt  werden.  An  dem
Mäddhen  aber  wurden  die  Gaben  der  weisen  Frauen  sämtlich
erfüllt;  denn  es  war  so  schön,  sittsam,  freundlich  und  verständig,
  daß  jedermann  es  liebhaben  mußte,  der  es  ansah.  Nun
geschah  es,  daß  an  dem  Tage,  wo  es  gerade  fünfzehn  Jahre
alt  ward,  der  König  und  die  Königin  nicht  zu  Hause  waren
und  das  Mädchen  ganz  allein  im  Schlosse  zurückblieb.  Da  ging
es  allerorten  umher,  besah  Stuben  und  Kammern,  wie  es  Lust
hatte,  und  kam  endlich  auch  an  einen  alten  Turm.  Es  stieg  die
enge  Wendeltreppe  hinauf  und  gelangte  zu  einer  kleinen  Tür.
In  dem  Schlosse  steckte  ein  verrosteter  Schlüssel,  und  als  es
ihn  umdrehte,  sprang  die  Tür  auf.  Da  sabß  in  einem  kleinen
Stübchen  eine  alte  Frau  mit  einer  Spindel  und  spann  emsig
ihren  Flachs.  „Guten  Tag,  du  altes  Mütterchen!“  sprach  die
Königstochter;  „was  machst  du  da?  „lch  spinne“,  sagte  die
Alte  und  nickte  mit  dem  Kopfe.  „Was  ist  das  für  ein  Ding,