Menschlichleit, Sympathie und Achtung. 67
europäer zusammengebrochen, da erkönt aus Frankreich der Schrei nach Rache,
aus allen anderen Ländern der Schrei nach „Strafe“, nach „Sicherung"“ vor dem
deutschen Milikarismus, nirgends ein Schrei nach Menschlichkeit und Verständigung.
Den konnte man brauchen, solange Deutschland siegte, damit die Landsleute um
die Früchte ihres Sieges gebracht und die Freunde im Auslande geschont würden;
nach der Voraussetzung, der Gegenseitigkeit, frug man nie, und über die entgegenstehenden
schreienden Tatsachen, wie die Gefangenenmißhandlungen und die
Hungerblockade, ging man zartfühlend hinweg. Die Hungerblockade hat in Deutschland,
wie Geheimrat Rubner in der Berliner Akademie der Wissenschaft am 23. Januar
1919 mitteilte, 800000 Opfer gekostet; die „Menschheit“ erfährt dies, aber die
Hungerblockade gegen das wehr= und hilflos am Boden liegende Deutschland wird
nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar verschärft. Schon die Waffenstillstandsbedingungen
sprechen jeder Menschlichkeit Hohn.
Ihre Niedertracht erscheint erst im richtigen Licht, wenn man den Zweck derselben
berücksichtigt. Wenn mit der Lusitania einige Frauen und Kinder untergegangen
sind, so waren sie gewarnt und begaben sich bewußt und ohne Zwang
in die Gefahr, in der sie dann umkamen. Ferner war damals Krieg, und die
Torpedierung der Schiffe war eine kriegerische Maßregel, die wie jede andere fremde
Mernschenleben opfert, um die eigenen zu retten. Deutschland ist aber seit der Revoution
wehrlos der Blockade ausgesetzt; es ist nicht mehr Krieg; die englischen Offi-Kerskommissionen,
die Deutschland bereisten, haben in einem Anfang März veröffentlichten.
Bericht jede Möglichkeit der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten durch
Oeutschland für ausgeschlossen erklärt. Die Entente, den Menschlichkeitsapostel
ilson an der Spitze, läßt aber jeden Monat bewußt Tausende deutscher Kinder,
Frauen, Greise und Kranker an Unterernährung zugrundegehen, lediglich um materieller
Vorteile willen, um die Beute zu vergrößern, um mehr Geld und mehr
band aus Deutschland herauszuschinden. Dieselben deutschen Blätter Allindaans
ober, die dem Ausland immer mit dem Unrecht und dem Verbrechen des U-Bootkrieges
in den Ohren lagen, fassen die Greuel der Feinde mit den zartesten Fingerspitzen
an. Man merkte nicht das Geringste von einer großzügigen Pressepropaganda
der jüdischen Meinungsmacher im neutralen Ausland und im feindlichen zu unsern
unsten, wie sie während des Krieges ja angeblich nur gefehlt hat, weil das „militaristische“
Sysiem dieses Instrument nicht zu handhaben wußte. Jetzk sitzen doch
überall die „Sachverständigen“ vom Berliner Tagblatt, der Frankfurter Zeitung
und dem Vorwärts in der Macht!
Unter den schwindelhaften Hoffnungen, welche die Republikaner im Volke als
ohn für das Waffenniederlegen und die Erzwingung des Unterwerfungsfriedens
erweckten, befand sich auch die der alsbaldigen Rückkehr der deutschen Gefangenen.
durückkehren durften die feindlichen Gefangenen, die deutschen blieben gefangen. Die
deutsche Kommission in Spaa für die Kriegsgefangenen erhält Mitte Januar 1919 als
Antwort auf ihre Bitte, ihr wenigstens Listen über die in Frankreich befindlichen Kriegsgefangenen
zuzustellen, den Bescheid, das sei nicht möglich; bis r. März würden etwa
200000 deutsche Kriegsgefangene nach Nordfrankreich gebracht, um dort alles wieder
aufzubauen, was die Deutschen zerstört hätten; mit dem Transport derselben sei bereits
begonnen, und die Aufstellung der Lagerlisten sei dadurch erschwert. Ein Befehl vom
Januar 1919 des Chefs des großen Gefangenenlagers bei Cercotte lautet: „Wenn
der sträftiche Mißbrauch mit den für die Schweine bestimmten Speiseresten nicht
aufhört, die man in schlecht verstandenem Mitleid den Deutschen und Ssterreichern
zur Verfügung stellt, werde ich mich veranlaßt sehen, alles Schweinefutter zu ver-5*