176 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Dez. 4.)
Ich kann das gewiß genau beurteilen, weil Ich oben stehe und an Mich
alle solche Fragen herantreten. Der Grund ist in der Erziehung der Jugend
zu suchen; wo fehlt es da! Da fehlt es allerdings an manchen Stellen.
Der Hauptgrund ist, daß seit dem Jahre 1870 die Philologen als beati
possidentes im Gymnasium gesessen haben und hauptsächlich auf den Lern-
stoff, auf das Lernen und Wissen den Nachdruck gelegt haben, aber nicht auf
die Bildung des Charakters und die Bedürfnisse des jetzigen Lebens. Sie,
Herr Geheim-Rat Hinzpeter, werden verzeihen, Sie sind ein begeisterter
Philologe, aber nichtsdestoweniger, die Sache ist Meiner Ansicht nach bis
zu einer Höhe gekommen, daß es schließlich nicht mehr weiter geht. Es ist
weniger Nachdruck auf das Können wie auf das Kennen gelegt worden; das
zeigt sich auch bei den Anforderungen, die in den Examen gestellt werden.
Es wird von dem Grundsatz ausgegangen, daß der Schüler vor allen Dingen
soviel wie möglich wissen müsse; ob das für das Leben paßt oder nicht, das
ist Nebensache. Wenn man sich mit einem der betreffenden Herren darüber
unterhält und ihm klar zu machen versucht, daß der junge Mensch doch
einigermaßen praktisch für das Leben und seine Fragen vorgebildet werden
solle, dann wird immer gesagt, das sei nicht Aufgabe der Schule, Haupt-
sache sei die Gymnastik des Geistes, und wenn diese Gymnastik des Geistes
ordentlich getrieben würde, so wäre der junge Mann im stande, mit dieser
Gymnastik alles fürs Leben Notwendige zu leisten. Ich glaube, daß nach
diesem Standpunkt nicht mehr verfahren werden kann.
Wenn ich nun zurückgreife auf die Schulen und speziell auf das
Gymnasium selber, so weiß Ich sehr wohl, daß in vielen Kreisen man Mich
für einen fanatischen Gegner des Gymnasiums hält und Mich auch zu
Gunsten anderer Schulformen ausgespielt hat. Meine Herren, das ist nicht
der Fall. Wer selber auf dem Gymnasium gewesen ist und hinter die
Kulissen gesehen hat, der weiß, wo es da fehlt. Und da fehlt es vor allem
an der nationalen Basis. Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium
das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht
junge Griechen und Römer. Wir müssen von der Basis abgehen, die Jahr-
hunderte lang bestanden hat, von der alten klösterlichen Erziehung des Mittel-
alters, wo das Lateinische maßgebend war und ein bißchen Griechisch dazu.
Das ist nicht mehr maßgebend, wir müssen das Deutsche zur Basis machen.
Der deutsche Aufsatz muß der Mittelpunkt sein, um den sich alles dreht.
Wenn einer im Abiturientenexamen einen tadellosen deutschen Aufsatz liefert,
so kann man daraus das Maß der Geistesbildung des jungen Mannes er-
kennen und beurteilen, ob er etwas taugt oder nicht. — Nun wird selbst-
verständlich vieles eingewendet und gesagt, der lateinische Aufsatz ist auch
etwas sehr wichtiges, der lateinische Aufsatz ist sehr gut, um den Menschen
in einer fremden Sprache zu bilden, und was weiß Ich mehr. Ja, meine
Herren, Ich habe das nun einmal selber mitgemacht. Wie entsteht denn
ein solcher lateinischer Aufsatz! Ich habe es sehr oft erlebt, daß ein junger
Mensch im deutschen Aufsatz — ich will einmal sagen, 4 +, im ganzen
befriedigend, und im lateinischen Aufsatz eine 2 hat. Der Mensch verdiente
Strafe statt Lob, denn daß er den lateinischen Aufsatz nicht auf dem rechten
Wege zu stande gebracht hat, das ist klar. Und von allen den lateinischen
Aufsätzen, die wir geschrieben haben ist noch nicht einer unter zwölf, der
nicht mit solchen Hilfsmitteln zu stande gekommen ist. Solche Aufsätze
wurden als gut bezeichnet. Das war der lateinische Aufsatz. Aber wenn
wir auf dem Gymnasium einen Aufsatz über „Minna von Barnhelm“
schreiben sollten, bekamen wir kaum befriedigend. Deswegen sage Ich, weg
mit dem lateinischen Aufsatz, er stört uns, und wir verlieren unsere Zeit
für das Deutsche darüber.