Italien. (Oktober 23.) 253
Dadurch haben Sie, lassen Sie es mich aussprechen, meinem Willen Zwang
angethan. In einer demokratischen Zeit haben Sie die Freiheit übel an-
gewendet, und das ist keineswegs ermutigend für die, welche Sie zur Republit
bekehren möchten. Da ich aber nun dabei bin, so nehme ich als tapferer
Ritter die Herausforderung an, und beginne mit der Erklärung, daß Sie
in Ihrer vom „National“ veröffentlichten Antwort nicht unternommen haben,
alle Fragen, die ich Ihnen stellte, zu lösen. Sie sind dem schwierigen Pro-
bleme ausgewichen, welches Frankreich von Deutschland trennt, und obschon
Sie verlangen, daß der Papst nur ein Apostel sein solle, haben Sie bezüg-
lich des Zaren Stillschweigen beobachtet. Als ich Sie fragte, ob der Zar
und der Papst, gegenwärtig Verbündete der französischen Regierung, not-
wendige Werkzeuge zur Aufrichtung der neuen Vereinigten Staaten (Europas)
sein würden, habe ich zwei Institutionen berührt, zwei politische Prinzipien,
welche die Negation der Demokratie sind. Ich begreife, daß ein Teil Ruß-
lands in unsere Konföderation eintreten müßte; aber ich wünschte von Ihnen
zu wissen, was Sie mit dem Autokraten anfangen wollen, der zur Hälfte
asiatischer, zur andern europäischer Souverän ist. Sie beschuldigen mich,
den Zustand der französischen Anschauungen in Bezug auf die Religion nicht
zu kennen. Sie irren, mein Freund; ich kenne ihn so gut wie Sie und
habe ein Interesse daran, ihn zu kennen. Sie beurteilen Frankreich nach
den Reden und Büchern und Gelehrten. Sie urteilen, indem Sie Paris
ins Auge fassen und nicht die anderen Städte der Republik, noch auch das
flache Land, wo das katholische — nicht das christliche — Gefühl tief ge-
wurzelt ist; wir sehen das Tag für Tag an der Haltung der Pilger, welche
kommen, um Leo XIII. zu verehren, und diejenigen zu verwünschen, welche
sie für seine Verfolger halten. Auch wenn Sie in Paris in die Kirchen
gingen, z. B. nach S. Sulpice, und wenn Sie die Seminaristen befragten,
würden Sie sich überzeugen können, daß Ihr Volk weiter zurück ist, als das
italienische Landvolk. Auch haben Sie selber in den „Matinées Espagnoles“
geschrieben, daß die Massen noch dem religiösen Glauben anhangen. Ich
lese in Ihrem Briefe, der Papst dürfe nicht Fürst oder Souverän sein. Es
ist dies Ihre Meinung und ich glaube Ihnen. Aber das amtliche Frank-
reich behandelt ihn als König. Am letzten Februar hat Monsignore Freppel
Leo XIII. als Abgesandter des Grafen von Paris aufgesucht, und am
11. September der Kardinal Langénieux als Botschafter Carnots. Prätendent
und Präsident der Republik haben den Papst ihrer Unterstützung versichert.
Wohlverstanden: der Prätendent hat in seinem Briefe bedingungsweise ge-
redet und sein Bedauern über die republikanische Propaganda, welche im
Einverständnis mit Seiner Heiligkeit in Frankreich vor sich geht, nicht ver-
schwiegen. Soviel aus Ihrem Briefe sichtbar wird, wollen Sie zwar, daß
Italien mit der Hauptstadt Rom einig und unteilbar in die Konföderation
eintrete, und Sie sind Gegner der Zerstückelung der Halbinsel in sieben oder
acht kleine Staaten. Ich nehme Akt davon; aber ich muß Sie daran er-
innern, daß Ihr Freund, der Abg. Barodet, in dem Briefe vom 10. Juni,
auf den Sie geantwortet haben, ebenfalls ein Italien in der Form einer
Föderativrepublik plante. Der Plan einer italienischen Föderation ist in
Frankreich schon alt. Er ist Wirkung einer Geisteskrankheit, die sich ver-
erbt, von der Napoleon III. und seine Nachfolger befallen sind und die die
Hoffnung des Vatikans bildet. Eine Bundesrepublik als Vasallin des Papstes
war zum erstenmal von Sully ersonnen worden, welcher hoffte, durch seine
Ränke die Rückberufung ans Ruder seitens Richelieus zu erlangen. Ihrem
Freunde Michelet ist der Gedanke, namentlich bei einem Protestanten, sehr
sonderbar vorgekommen. Sie irren, mein theuerster Freund, wenn Sie
glauben, daß die Zeitungsartikel auf mich Eindruck zu machen vermögen.