Full text : Geschichte der Hohenzollern.

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müssen  wir  erst  erstaunen,  wenn  alle  diese  Anstrengungen  nicht  Haupt-,  sondern
Nebenwerk,  nicht  Zweck,  sondern  Mittel  erscheinen,  um  den  errungenen  Standpunkt
  zu  behaupten  oder  vielmehr  so  zu  befestigen,  daß  die  neue  Schspfung
auch  ohne  den  mächtigen  Herrn  und  Meister  für  die  Zukunft  Lebenskraft
behalten  könnte;  denn  Friedrich  kannte  seine  Lage  zu  gut;  er  wußte  zu  wohl,
daß  er  bei  wenigen  Mächten  Europas  auf  wohlwollende  Gefinnung,  von  keinem
nachhaltige  Unterstützung  in  ernster  Gefahr  zu  hoffen  hatte.  Preußen  stand
einsam,  ohne  Bundesgenossen;  denn  die  beiden  Kaiserhöfe  sahen  in  ihm  einen
gefährlichen  Concurrenten  auf  dem  Gebiete,  welches  sie  für  die  Ausdehnung
ihrer  Herrschermacht  ausersehen  hatten,  und  in  England  und  Frankreich  waren
ihm  die  Regierungen  entfremdet;  vielleicht  auch  mochte  hier  schon  der  geheime
Instinkt  walten,  daß  in  dem  neu  sich  erhebenden  Staate  das  seiner  Auflssung
entgegeneilende  Deutschland  einen  kräftigen  Anhaltspunkt  für  die  Zukunft
gewinnen  sollte.  Der  neue  Staat  aber,  um  diese  große  Aufgabe  zu  lösen,  bedurfte
einer  festen  Gliederung  in  sich  selbst.  Unablässig  spähte  daher  Friedrich  nach
Mitteln  dazu;  die  Angelegenheiten  Polens  boten  die  erste  Aussicht.

Polen  war  nach  und  nach  unter  seinen  unbeschränkten,  Piastischen  Herrschern
  ein  mächtiger  europäischer  Staat  geworden.  Die  Macht  stieg  noch,  als
nach  Abgang  der  Piasten  Wladislaw  II.,  der  erste  Jagellone,  die  Verbindung
mit  Litthauen  herbeiführte  und  die  Veranlassung  zu  großer  Erweiterung  der
polnischen  Herrschaft  gab.  Freilich  wurde  unter  dem  neuen  Fürstenhause  auch
der  Grund  zu  dem  späteren  Verfall  gelegt,  denn,  obschon  es  Wladislaw  gelang,
das  bei  seiner  Erhebung  anerkannte  Wahlreich  seinem  zehnjährigen  Sohne  erblich
zu  verschaffen,  so  hatte  er  doch  die  Privilegien  des  schon  mächtigen  Adels
wesentlich  erhöhen  müssen.  So  lange  jedoch  die  Jagellonen  herrschten,  blühte
Polens  Macht,  ging  aber  nach  ihrem  Absterben  um  so  rascher  seinem  Verfalle
entgegen,  denn  nun  wurde  es  ein  vollkommenes  Wahlreich,  und  die  Wahlkapitulation
  bei  jedem  Regierungswechsel  für  den  König  und  seine  Herrschergewalt
  ungünstiger.  Bald  sollte  jeder  adelige  Pole  eine  Stimme  bei
der  Königswahl  haben,  und  jeder  Unterthan  vom  Eide  der  Treue
entbunden  sein,  sobald  der  König  die  Vorrechte  der  Nation  verletze.
  Bei  dieser  Heiligung  der  Insurrektion  fehlte  nichts,  um  die  Anarchie
verfassungsmäßig  dem  Staate  aufzudringen,  als  die  Feststellung  des  berüchtigten
„Nic  pozwalam  oder  Liberum  veto,“  nach  welchem  es  seit  dem  Jahre  1652
jedem  einzelnen  Landboten  zustand,  die  Wirksamkeit  des  Reichstages  vollständig
zu  durchkreuzen  und  die  ehrwürdige  Versammlung  der  Vertreter  eines  wichtigen
Volkes  in  einen  wilden  Tummelplatz  abenteuerlicher  Glücksritter  zu  verwandeln.
Binnen  hundert  Jahren  gingen  47  Reichstage  in  größter  Verwirrung  und  ohne
den  geringsten  Erfolg  auseinander,  wodurch  dieses  Nationalinstitut  sprüchwörtlich
zum  Spott  der  ganzen  Welt  herabsank.

Allerdings  griff  man,  wenn  die  Gefahr  gar  zu  dringend  wurde,  zu
einem,  aber  freilich  eben  so  verzweifelten  Mittel,  als  die  Gefahr  selbst,  der  man

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