Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreizehnter Jahrgang. 1897. (38)

Die  Geserreiczisch=  Augarische  Monarcie.  (November  27.)  217

donnernden  Applaus  der  Opposition.  Ein  großer  Diener,  dem  Kramartsch
ein  Zeichen  gab,  fällt  über  ihn  her,  Resel  wehrt  sich,  aber  beide  stürzen  zu
Boden.  In  wildem  Ringen  kugeln  sie  über  die  Stufen  der  Estrade  herab.
Sozialisten  und  Deutsche  werfen  sich  auf  den  Diener,  reißen  ihn  zu  Boden,
Resel  stürzt  wieder  zum  Präsidententisch,  reißt  mehrere  Blätter  herunter,
gleichzeitig  sind  die  Sozialisten  auf  die  Estrade  gedrungen.  Abrahamowitsch
ergreift  die  Flucht,  ein  zweiter  Sozialist,  Berner,  beginnt  eine  Rauferei
mit  dem  Vizepräsidenten  Fuchs,  und  beide  prügeln  sich  wie  wahnsinnig.
Da  packen  100  Tschechenfäuste  Berner  und  unter  Ringen,  Schreien  und
Schlagen  wird  er  zur  kleinen  Seitenthüre  hinausgeworfen.  Unterdessen
haben  die  Sozialisten  die  Präsidentenestrade  besetzt.  Kramartsch  hält  am
längsten  oben  aus.  Es  ist  ein  früher  gefaßter  Entschluß  der  Sozialisten,
den  Präsidenten  nicht  zum  Wort  kommen  zu  lassen.  In  dem  Geheul  aber,
das  das  Haus  erfüllt,  hört  man  kein  Wort.  Man  glaubt,  die  Aufregung
könne  sich  nicht  steigern.  Da  öffnet  sich  auf  der  Polenseite  die  Glasthür
und  unter  Vorantritt  eines  Polizeikommissars  schreiten  paarweise  etwa  100
Wachleute  in  den  Saal.  Sie  marschieren  die  Stufen  herunter,  durchqueren
den  Raum  und  besteigen  die  Estrade  auf  der  deutschen  Seite.  Das  Geschrei
im  Hause  ist  ohrenbetäubend.  Die  Gallerien  schreien  ebenfalls  Pfui!  Jetzt
fassen  die  Wachleute  den  ersten  Sozialdemokraten,  der  sich  wütend  wehrt.
Er  wird  aufgehoben,  sechs  Monn  tragen  ihn,  der  mit  Armen  und  Füßen
um  sich  schlägt,  hinaus.  Dasselbe  geschieht  mit  allen  10  Sozialisten,  welche
die  Tribüne  besetzt  halten.  Die  Sozialisten  werden  von  der  Wache  bis  vor
die  Thüre  des  Hauses  geführt.  Sie  mußten  in  der  Kälte  warten,  und  es
wurde  ihnen  nicht  gestattet,  ihre  Winterröcke  aus  der  Garderobe  zu  holen,
sie  wurden  ihnen  von  den  Dienern  herausgebracht.  Um  12  Uhr  wird  die
Sitzung  unterbrochen.  um  ½1  Uhr  wieder  eröffnet.  Der  Präsident  spricht
nun  die  Ausschließung  des  Abg.  Wolf  aus,  die  Sicherheitswache  formiert
sich  und  stellt  sich  geschlossen  vor  die  Bänke  der  Linken.  Hierüber  entsteht
große  Entrüstung.  Wolf  will  die  Reihe  der  Polizei  durchbrechen  und  versucht
  dabei  dem  Kommissar  die  Mütze  vom  Kopfe  zu  reißen,  wird  aber  zu
Boden  geworfen.  Die  Linke  ruft:  „Bolksverrat!  Verfassungsbruch!“  Von
der  zweiten  Gallerie  wird  der  Linken  zugejubelt  und  es  werden  Tücher  geschwenkt.
  Infolgedessen  wird  die  Gallerie  geräumt.  Das  Publikum  ruft:
„Nieder  mit  den  Volksverrätern!  Nieder  mit  den  Banditen!“  Die  Linke
ruft  der  Galerie  zu:  „Dableiben!“  Trotzdem  wird  das  Publikum  hinausgedrängt.
  Die  Ausschließungen  im  Saal  dauern  unterdes  fort.  Unter  ungeheurer
  Aufregung  wurde  Wolf,  der  sich  gewaltig  wehrte,  von  den  Polizisten
  hinausgeführt,  ebenso  Glöckner.  Dann  wurde  die  Polizei  abkommandiert.
  Bald  darauf  wurde  die  Ausschließung  auch  über  Daszynski
verhängt,  der  sich  weigert,  worauf  die  Polizisten  zurückkehren.  Jedesmal,
wenn  Abrahamowitsch  sich  wieder  sehen  läßt,  geht  der  Höllenspektakel  aufs
neue  los.  Im  ganzen  wurden  13  Abgeordnete  vom  Präsidenten  auf  die
Dauer  von  drei  Sitzungen  auf  Grund  der  gesetzwidrigen  Geschäftsordnung
ausgeschlossen.

27.  November.  (Wien.)  Abgeordnetenhaus.  Die  Opposition
  erzwingt  durch  ungeheuren  Lärm  den  Schluß  der  Sitzung.
Das  Präsidium  kann  nicht  zu  Worte  kommen  und  verzichtet  auf
das  Eingreifen  der  Polizei;  nur  als  Wolf,  der  in  der  letzten  Sitzung
ausgeschlossen  war,  im  Saale  erscheint,  wird  er  durch  die  Polizei
hinausgetragen.  —  Die  Christlich-Sozialen  und  einige  Klerikale
schließen  sich  der  Obstruktion  an.