Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreizehnter Jahrgang. 1897. (38)

Großbritannien.  (April  29.—Mai  13.)  239

richtung  staatlicher  Kornspeicher  sei  zu  kostspielig  und  würde  den  Schatzkanzler
  in  eine  prekäre,  unhaltbare  Lage  bringen.  Obschon  auch  er  für
eine  Union  mit  den  Kolonieen  für  kommerzielle  und  militärische  Zwecke  sei,
so  könne  er  nicht  sehen,  wie  ein  Zollverein  mit  denselben  England  aus  der
Verlegenheit  helfen  solle.  Was  die  Schwierigkeit  der  Zufuhr  von  Nahrungesmitteln
  betreffe  für  den  Fall,  daß  England  in  einen  Krieg  mit  Frankreich
  und  Rußland  verwickelt  werde,  so  würden  es  die  Vereinigten  Staaten
nie  zulassen,  daß  Weizen  für  Kriegskontrebande  erklärt  werde,  und  im
Verein  mit  Amerika  sei  England  stark  genug,  jeder  denkbaren  Vereinigung
von  Mächten  zu  begegnen.  Englands  Sicherheit  hänge  von  seiner  Flotte
ab,  und  wenn  diese  hinreiche,  so  brauche  es  Hunger  nicht  zu  fürchten.
Somit  spitze  sich  die  Debatte  zu  der  Frage  zu,  ob  die  Flotte  stark  genug
sei.  In  betreff  dieses  Punktes  übernehme  die  Regierung  die  Verantwortlichkeit,
  welche  der  Antrag  ihr  auferlege,  die  Pflicht,  darauf  zu  sehen,  daß
die  Flotte  stark  genug  sei  zur  Verteidigung  der  Küsten  sowie  des  Handels
mit  Nahrungsstoffen  und  Rohmaterialien.

29.  April.  (Unterhaus.)  Schatzkanzler  Hicks-Beachh  legt
das  Bupget  vor.

Die  Einnahmen  des  letzten  Betriebsjahres,  sagt  Hicks-Beach,  hätten
104  Millionen  Pfund,  die  Ausgaben  101/  Millionen  Pfund  Sterling
betragen,  sodaß  sich  der  Ueberschuß  auf  nahezu  2⅛½  Millionen  Pfund  belaufe,
  die  nationale  Schuld  habe  sich  um  71½  Millionen  Pfund  verringert.
Da  das  laufende  Jahr  das  Jubiläumsjahr  der  Königin  ist,  nahm  der
Schatzkanzler  Anlaß,  den  bedeutenden  Aufschwung  Englands  seit  dem  Jahre
1836  vergleichsweise  darzustellen.  Der  Gesamtbetrag  des  auswärtigen
Handels  habe  sich  in  jenem  Jahre  auf  125  Millionen  Pfund  belaufen,
jetzt  habe  er  die  Höhe  von  738  Millionen  Pfund  erreicht.  „Unsere  Monarchie“,
  sagt  Redner,  ist  dem  Lande  niemals  so  wertvoll  gewesen  als  jetzt.
Wir  haben  die  beste  und  die  wohlfeilste  Monarchie;  die  Kosten  dafür  waren
im  Jahre  1836  eine  halbe  Million,  jetzt  sind  es  385  000  Pfund.“  Die
Ausgaben  für  das  laufende  Betriebsjahr  seien  auf  101791.000  Pfund,  die
Einnahmen  auf  103  360  000  Pfund  veranschlagt,  so  daß  sich  ein  Ueberschuß
von  1  569  000  Pfund  ergibt.  Die  Regierung  habe  gemäß  der  vor  kurzem
von  dem  ersten  Lord  der  Admiralität  Goschen  angekündigten  Politik  beschlossen,
  den  Flottenvoranschlag  um  eine  halbe  Million  Pfund  zu  erhöhen.
Auch  habe  sich  die  Regierung  genötigt  gesehen,  Englands  Stellung  als
vorherrschende  Macht  in  Süd-Afrika  sehr  sorgfältig  in  Erwägung  zu
ziehen,  und  habe  beschlossen,  eine  wesentliche  Erhöhung  der  Garnisonen  von
Reichstruppen  in  jenem  Teile  der  Welt  vorzunehmen.  Diese  Maßregeln
seien  in  keinem  zum  Angriffe  geneigten  Geiste  getroffen.  Die  Regierung
gedenke  ihre  Verpflichtungen  bis  zum  äußersten  zu  erfüllen,  sie  erwarte
aber  auch,  daß  andere  das  Gleiche  thun.  Diese  Maßnahmen  bedingen  eine
Ausgabe  von  200  000  Pfund.  Der  Schatzkanzler  legte  sodann  Reformen
im  Postwesen,  im  Telegraphenwesen,  im  Paketpost=  und  Drucksachenverkehr
des  Inlandes  dar,  die  die  Regierung  vorschlage,  und  fügte  hinzu,  der  englische
  Vertreter  beim  Weltpostverein  werde  vorschlagen,  den  Portosatz  für
den  Briefverkehr  Englands  mit  seinen  Kolonieen  und  dem  Auslande  von
2½  Pence  auf  2  Pence  herabzusetzen.  Hierdurch  werde  sich  der  Ueberschuß
auf  eine  halbe  Million  erniedrigen;  dieser  Betrag  solle  verwandt  werden  für
Unterrichtszwecke  in  Irland  und  Schottland,  sowie  zur  Ausübung  der  Gastfreundschaft
  gegenüber  den  aus  den  Kolonieen  und  dem  Auslande  zu  der
Jubiläumsfeier  der  Königin  kommenden  Gästen.

13.  Mai.  Das  Unterhaus  genehmigt  mit  221  gegen  90