Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreizehnter Jahrgang. 1897. (38)

366  Kebersicht  der  politischen  Eutwichelung  des  Jahres  1897.

die  Polen  waren  dagegen  ungefähr  in  derselben  Stärke  wiedergekehrt,
  und  endlich  sah  das  Abgeordnetenhaus  zum  erstenmale

Aus-  Sozialdemokraten  in  seinen  Räumen.  Die  wichtigste  parlamen-—
  tarische  Aufgabe  war  der  Ausgleich  mit  Ungarn,  gegen  dessen  Erneuerung
  mehrere  Parteien,  insbesondere  Jungtschechen  und  Christ-Spra=

  lich-Soziale,  weitgehende  Bedenken  erhoben  hatten.  Um  die  Op-Gender
  position  der  Tschechen  zu  beseitigen,  erließ  der  Ministerpräsident
nungen.  die  Sprachenverordnungen,  durch  die  er  ihren  nationalen  Wünschen
auf  Kosten  der  Deutschen  weit  entgegen  kam.  Die  liberalen  und
nationalen  Deutschen  glaubte  er  durch  diesen  Schritt  nicht  in  die
Opposition  zu  treiben,  da  er  sich  einerseits  ihre  Dankbarkeit  durch

die  ihnen  ziemlich  günstige  Wahlreform  gesichert  zu  haben  und  fie
andererseits  durch  die  Drohung  zurücktreten,  und  einem  klerikalen
Nachfolger  Platz  machen  zu  wollen,  im  Schach  halten  zu  können
meinte.  Die  Rechnung  schlug  fehl.  Aus  Polen,  Tschechen,  Klerikalen
  und  Feudalen  erhielt  zwar  Graf  Badeni  eine  Majorität  für

sein  Ausgleichsprogramm,  aber  die  Sprachenverordnungen,  die  in

rein  deutschen  Gegenden  die  tschechische  Amtssprache  vorschrieben,  sobald

  ein  Tscheche,  der  mit  der  Behörde  zu  thun  hatte,  sie  verlangte,
entfesselten  einen  nationalen  Sturm,  der  durch  solche  diplomatische
Spinnweben  nicht  gezügelt  werden  konnte.  Hierdurch  wurden  gerade

die  Deutschen  zur  Obstruktion  gezwungen,  die  Badeni  von  den  Tschechen,
  ihren  heftigsten  Gegnern,  besorgt  hatte.  Diese  wiederum
mußten  infolge  dessen  für  den  früher  von  ihnen  befehdeten  Ausgleich
eintreten.  Der  Kampf  der  Deutschen  richtete  sich  in  erster  Linie
gegen  den  Ausgleich  mit  Ungarn  und  mit  welcher  Leidenschaft  gekämpft
  worden  ist,  ist  oben  (S.  188,  196  ff.)  ausführlich  geschildert.
Wiewohl  die  Regierung  die  Macht  hatte,  den  vorläufigen

Ausgleich  nicht  auf  parlamentarischem  Wege,  sondern  einstweilen
durch  kaiserliche  Verordnung  zu  erneuern,  so  mußte  sie  doch  dringend

seine  gesetzliche  Erledigung  wünschen,  da  in  Ungarn  große  Abneigung
  gegen  einen  Ausgleich  ohne  parlamentarische  Sanktion  herrschte.
Obstruk-Die  Deutschen  versuchten  daher  den  Ausgleich  zu  verhindern,  um
tion.  die  Regierung  zu  zwingen,  die  Beendigung  der  Obstruktion  mit
der  Zurückziehung  der  Sprachenverordnungen  zu  erkaufen.  Das
Ende  war  eine  völlige  Niederlage  der  Regierung;  alle  parlamen-