Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfzehnter Jahrgang. 1899. (40)

         Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Februar  10.)           41 


größerer  und  kleinerer  Besitzungen  in  Frage  gestellt  wird,  und  welche  Maß
regeln  gedenkt  sie  eventuell  zu  ergreifen,  um  dieser  Kalamität  zu  steuern?
Damit  verbunden  wird  der  Antrag  Gamp  (frk.):  Die  Staatsregierung  zu
ersuchen:  mit  Rücksicht  auf  die  in  der  Landwirtschaft,  insbesondere  in  den
landwirtschaftlichen  Kleinbetrieben,  herrschende,  den  rationellen  Betrieb  der
Landwirtschaft  ernstlich  gefährdende  Arbeiternot  ungesäumt  die  zur  Milderung
  derselben  geeigneten  gesetzgeberischen  und  Verwaltungsmaßregeln  in
die  Wege  zu  leiten  und  zu  diesem  Zwecke  insbesondere  in  Aussicht  zu
nehmen:  1.  die  Einführung  der  Konzessionspflicht  für  Gesindemakler,
Arbeitsvermittler  und  ähnliche  Gewerbetreibende  und  das  Verbot  des  Betriebes
  dieser  Gewerbe  im  Umherziehen;  2.  die  Erschwerung  des  Kontraktbruches
  durch  Ahndung  der  Verleitung  zu  demselben  seitens  der  Arbeitgeber
  sowie  der  Gesinde=  und  Arbeitsvermittler  und  die  Regelung  der  Ersatzpflicht
  für  den  dem  beschädigten  Arbeitgeber  entstandenen  Schaden;  3.  die
anderweite  Festsetzung  der  Schulzeiten  auf  dem  platten  Lande  unter  voller
Aufrechterhaltung  der  Ziele  des  Volksschulunterrichts  (Halbtagsunterricht,
Dispensation  von  der  Sommerschule);  4.  Maßnahmen  gegen  die  stetig  zunehmende
  Verrohung  und  den  sittlichen  Niedergang  der  Minderjährigen
sowie  zur  Kräftigung  und  Stärkung  der  elterlichen  Gewalt  denselben  gegenüber;
  5.  die  möglichste  Verminderung  der  Beschäftigung  von  Arbeitern
seitens  der  Staatsbetriebe  während  der  Erntezeit;  6.  die  Aenderung  der
Armengesetzgebung  dergestalt,  daß  die  Witwen=  und  Waisenfürsorge  größern
Verbänden  übertragen  wird;  7.  die  planmäßige  Ansiedlung  von  mittleren
und  kleineren  Landwirten  sowie  von  landwirtschaftlichen  Arbeitern  unter
Aufwendung  von  Staatsmitteln;  8.  bis  zur  Wirkung  der  vorerwähnten
Maßnahmen  die  erweiterte  und  erleichterte  Zulassung  ausländischer  Arbeiter.

         Abg.  v.  Glasenapp  (kons.)  schildert  die  Arbeiternot  im  Osten.
1893  wanderten  von  Westpreußen  33000  Leute  ab,  während  nur  6000  aus
Rußland  einwanderten;  1898  wanderten  20000  fort  und  nur  10000  kamen
aus  Rußland  herein.  Nach  ihrer  Heimat  kommen  die  Arbeiter  aus  den
Ostprovinzen  erst  wieder  zurück,  wenn  sie  nicht  mehr  arbeitsfähig  sind.
Früher  bildeten  die  Arbeiter  mit  den  Bauern  zusammen  einen  Stand;  der
seßhafte  Landarbeiterstand  ist  aber  jetzt  infolge  der  historischen  Entwicklung
ganz  verschwunden.  Die  niedrigen  Löhne  tragen  nicht  die  Schuld  an  der
Arbeiternot,  denn  die  Löhne  sind  so  gestiegen,  daß  die  Lohnfrage  schon  zu
den  größten  Schwierigkeiten  für  die  Landwirtschaft  gehört.  Die
dauernde  Zulassung  ausländischer  Arbeiter  wäre  eine  nationale  Gefahr,
wir  dürfen  die  fremden  Arbeiter  nur  für  die  Zeit  vom  1.  März  bis
15.  Dezember  zulassen.  Der  unbeschränkte  Zustrom  dieser  auf  niedrigerer
Kulturstufe  stehenden  ausländischen  Arbeiter  wäre  aus  kulturellen  Gründen
äußerst  bedenklich,  und  wir  würden  auch  dadurch  in  eine  gewisse  Abhängigkeit
  von  Rußland  geraten.  Aber  wir  wollen  auch  in  dieser  Beziehung
ebenso  unabhängig  vom  Ausland  sein,  wie  in  unserer  Versorgung  mit  Brot
und  Fleisch.  —  Finanzminister  v.  Miquel  führt  die  Arbeiternot  auf  das
gleichzeitig  gestiegene  Bedürfnis  nach  erhöhter  Arbeitskraft  in  Industrie
und  Landwirtschaft  zurück.  Vielleicht  seien  einige  Maßregeln  auf  dem  Gebiete
  der  Schule  und  eine  Ansiedlung  unter  Verminderung  des  Großgrundbesitzes
  erwägenswert.  Abg.  Becker  (Z.)  will  keine  Beschränkung  der  Freizügigkeit,
  die  Arbeiternot  könne  nur  durch  lohnende  Produktion  gehoben
werden.  Ministerialdirektor  Kügler:  Der  auf  die  Schule  bezügliche  Teil
des  Antrages  Gamp  könne  nur  ausgeführt  werden  unter  Wahrung  des
jetzigen  Bildungsniveaus  des  Volks.

               Landwirtschaftsminister  v.  Hammerstein:  Eine  der  wichtigsten
Fragen  sei  die  Erziehung  der  Kinder,  ihnen  müsse  die  Liebe  zum  landwirt-