Full text : Rosenheimer Anzeiger. 64. Jahrngang (64)

78  Freiherr  vom  Stein

Potenzen  unter  einen  Hut  zu  bringen  als  zweihundert  kleine.  und
nur  wenige  große,  das  leuchtet  auf  den  ersten  Blick  ein.  Darum
Segen  über  Napoleons  blutigen  Kehrbesen,  mit  dem  er  in  die  deutsche
Reichswinkelei  hineinfuhr:  die  kleinen  Residenzen,  sie  hatten  ihre
Pflicht  getan  für  die  deutsche  Kultur  —  sie  konnten  verschwinden.
Die  zweite  Wohltat,  die  Napoleon  dem  deutschen  Volke  erwies,
war,  daß  er  in  ihm  das  Einheitsgefühl,  das  Bewußtsein,  eine  Nation
  zu  sein,  wachrief.  Was  bisher  unbewußt  in  tiefstem  Herzensgrunde
  geruht,  das  flammte  nun  gewaltig  auf,  Rufer  im  Streite
entstanden,  die  über  jede  Landesgrenze  hinaus  das  „Teutsche“  betonten,
  wie  man  damals  allgemein  und  richtiger  zu  sagen  pflegte.
In  der  gemeinsamen  Abwehr  gegen  den  Druck  des  Auslands  fanden
sich  Ostpreußen  und  Schleswiger,  Schlesier  und  Rheinländer.  Das
patriotische  Gefühl  des  Preußentums  ward  allgewaltig,  fest  sind
die  verschiedenen  Landesteile  aneinander  geschmiedet,  und  das  Bewußtsein
  des  Deutschseins  wird  wach,  um  jetzt  nie  mehr  zu  ersticken.
Was  in  einem  Volke  ruhe,  das  zeigten  Spanier,  Russen  und  jetzt  vor
allem  die  Deutschen.  Durch  Turnerei,  durch  den  freiwilligen  Kampf
gegen  Frankreich  angeregt,  entstand  in  der  deutschen  Jugend  die
großartige  Strömung  der  allgemeinen  deutschen  Burschenschaft  im
Gegensatz  zu  dem  bisherigen  partikularistischen  Korpsleben.  Von
Vaterlandsliebe,  Ahnung  der  gewaltigen  Volkskraft  des  „Teutschtums“
  getragen,  von  Haß  und  Zorn  angespornt  gegen  den  leichtfertigen
  Welschen,  der  so  namenloses  Elend,  um  persönlichen  Vorteils
  willen,  auf  seine  Gegner  gehäuft,  schwillt  eine  herrliche  Begeisterung
  zunächst  in  Preußen,  mählich  ganz  Deutschland  ergreifend,
  heran,  die  zum  erstenmal  nicht  nur  den  Adel,  sondern  das  Bürgertum,
  den  Bauern  zum  freiwilligen  Waffentragen  ohne  Zwang
und  höheren  Einfluß  aufrief.  Leichte  Truppen  zu  Fuß,  die  Jäger,
die  die  letzten  Kriege  in  Osterreich  schon  gebildet  hatten,  werden  auch
in  Preußen  eingerichtet  und  leichten  Fußes,  fröhlichen  Herzens  geht
Lützows  wilde  verwegene  Jagd  gegen  den  Feind;  das  Horazische
„süß  ist  es  für  das  Vaterland  zu  sterben“  wird  zur  Wahrheit,  Theodor
  Körners  Tod  wird  beweint,  aber  bewundert  und  beneidet.
Vorsichtig  hatte  Metternich  in  Österreich  mittlerweile  den  Dingen
zugeschaut;  als  er  den  ungeheuren  Aufschwung  Deutschlands  erkannte
  und  die  Schwäche,  dabei  die  Halsstarrigkeit  Napoleons,  schlug
auch  er  los,  und  der  Übermacht  unterlag  der  Korse.  Zuerst  bei  Leipzig
und  dann  im  eigenen  Lande,  und  als  er  1815  fürwitzig  aus  der
Verbannung  wiederkehrte,  endgültig  bei  Waterloo,  am  18.  Juni