Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

48         Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 4. 5.) 
Maßnahme um so notwendiger, als die Mädchenschulen eine polonisierende 
Thätigkeit bereits ausgeübt haben. Das Entgegenkommen der Regierung 
in den Jahren 1891 und 1894 ist hier neulich in einer Weise vom Abg. 
v. Jazdzewski kritisiert werden, daß uns nichts übrig bleibt, als auf das 
System zurückzugehen, das das Staatsinteresse uns gebietet. Wenn die 
Polen aufhören, durch ihre rohen Kriegsrufe unsere patriotischen Gefühle 
zu beleidigen, dann erst kann von uns ein Entgegenkommen und eine 
Aenderung der Verordnungen erwartet werden. 
             Am 14. März wird ein Antrag v. Heydebrand (kons.) die Re- 
gierung um baldige Vorlegung eines Schuldotationsgesetzes zu ersuchen, 
einstimmig angenommen. Der Antragsteller führt aus, daß mit den 
13 Millionen zur Unterstüzung von Schulverbänden nicht die dringendsten 
Bedürfnisse befriedigt werden könnten. 
             4. März. Der Reichstag genehmigt einen Gesetzentwurf 
über Änderungen im Posttaxwesen. 
             Danach sind die Gebühren für Postscheine über die Einlieferung von 
Sendungen zur Post und Packkammergeld nicht zu erheben, ebensowenig 
Fachgebühren für abzuholende Briefe und sonstige Gegenstände, sofern nicht 
die Postverwaltung dem Empfänger auf seinen Antrag ein ihm unmittelbar 
zugängliches, verschließbares Abholungsfach überläßt. Die Bedingung für 
die Ueberlassung solcher Fächer werden durch die Postordnung festgesetzt. 
               5. März. (Reichstag.) Etat des Auswärtigen Amts. Ver- 
hältnis zu England, Rußland; Lage in China und Südafrika. 
Künftige Wirtschaftspolitik. Rede Bülows. 
           Abg. Schädler (Z.): Seit dem Nichtempfang des Präsidenten 
Krüger (Jahrg. 1900 S. 325) sei mancherlei geschehen, das Beklemmungen 
verursache, obwohl man allgemein einsähe, daß nichts für die Buren ge- 
schehen könne. Welche Gründe habe der lange Aufenthalt des Kaisers in 
England? Durch die Pietät könne er nicht allein erklärt werden. Was 
habe die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an Roberts veranlaßt, die 
in Deutschland böses Blut verursacht habe? Wie sei die Lage in China? 
Abgesehen von der gewiß nicht beneidenswerten Stellung, die Graf Waldersee 
dort einzunehmen hat, darf wohl darauf hingewiesen werden, von welcher 
Seite her wir Unterstützung erfahren. Oesterreich und Italien sind nicht 
stark vertreten, Amerika sucht auf eigene Rechnung zu kommen, Rußland 
hat nicht bloß sein Schäfchen, sondern bereits sein Schaf im Trocknen, 
Frankreich dürfte wohl als im Gefolge Rußlands stehend betrachtet werden, 
Japan ist verschnupft. Was bleibt übrig außer England? Ich glaube, es 
wäre sehr zu wünschen, daß unsere Position in China, abgesehen von unserer 
eigenen Kraft, auch andere Unterstützung fände. Aber von Englands Un- 
eigennützigkeit steht wenig zu lesen im Lied und im Heldenbuch (Sehr wahr! 
rechts), ganz abgesehen davon, daß zwischen uns und England an vielen 
Punkten Reibungsflächen vorhanden sind. Nun kann man ja die Ueber- 
zeugung haben — und die Geschichte der neueren Zeit bestätigt das auch — 
daß die internationale Lage sich so gestaltet und auch nicht geregelt wird 
durch die persönliche Beziehung der Herrscherhäuser gegeneinander, wenn 
es andererseits zu begrüßen ist, daß sich dieselbe zu einer möglichst freund- 
lichen gestalte, sowohl nach außen wie im Inland. Auch die überschwel- 
lenden Lobes- und Dankeshymnen, wie sie von England erschollen anläßlich 
des Besuches dort, können darüber nicht hinwegtäuschen. Bei der Feind- 
seligkeit der russischen Presse gegen Deutschland müsse auch das Verhältnis 
zu Rußland gespannt sein.