124 Pas Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Juni 24.)
Der Kaiser richtet folgende Handschreiben an die scheidenden Minister:
Mein lieber Staatsminister Graf v. Posadowsky! Ihrem Ansuchen
um Entlassung aus den Aemtern als Staatsminister und Staatssekretär
des Innern habe Ich durch Erlaß vom heutigen Tage entsprochen. Ich
kann es Mir aber nicht versagen, Ihnen für die treuen und erfolgreichen
Dienste, welche Sie mit unermüdlicher Hingebung an die Ihnen gestellten
großen und schwierigen Aufgaben Mir und dem Vaterlande geleistet haben,
Meinen wärmsten Dank noch besonders auszusprechen. Als Zeichen Meines
unveränderten Wohlwollens verleihe Ich Ihnen Meine Büste in Marmor,
welche Ihnen zugehen wird. Zch verbleibe Ihr wohlgeneigter Kaiser und
König gez. Wilhelm I. R.
Kiel, an Bord M. J. Hohenzollern, den 24. Juni 1907.
Mein lieber Staatsminister Dr. v. Studt! Nachdem Ich Ihnen
durch Erlaß vom heutigen Tage die nachgesuchte Dienstentlassung in Gnaden
erteilt habe, drängt es Mich, Ihnen meinen besten Dank für die treuen
Dienste auszusprechen, die Sie in den langen Jahren Ihrer ehrenvollen
Laufbahn Mir und dem Vaterlande geleistet haben. Um aber Ihre reichen
Erfahrungen und Ihre staatsmännische Einsicht dem Staate auch ferner
zu erhalten und Ihnen ein Zeichen Meines besonderen Vertrauens zu
geben, habe Ich Sie auf Lebenszeit in das Herrenhaus berufen. Ich verbleibe
Ihr wohlgeneigter König gez. Wilhelm R.
Kiel, an Bord M. J. Hohenzollern, den 24. Juni 1907.
Der Rücktritt Studts war längst diskutiert worden, aber erst in
einigen Monaten erwartet worden. Es wird behauptet, daß Studt noch
wenige Tage vor der Entlassung den Rücktritt erst für den Oktober in
Aussicht genommen habe. — Ueberraschend wirkt im allgemeinen der Abschied
Posadowskys, der gewöhnlich motiviert wird mit seiner Abneigung,
die Blockpolitik mitzumachen; die Aenderungen gelten also gegen das Zentrum
gerichtet. Posadowsky wird in der bürgerlichen Presse durchweg als
das bedeutendste Mitglied des Ministeriums bezeichnet, sein Abschied meist
als Verlust für die Sozialpolitik betrachtet.
Die „Frankf. Ztg.“ schreibt über die Ursachen des Ministerwechsels
(30. August): „Die „Deutsche Tagesztg.“ behauptet, man weiß eigentlich
nicht recht, zu welcher Absicht, daß Herrn v. Studt sein Rücktritt nicht
überraschend gekommen sei, weil er schon im Laufe des Winters seine
Bereitwilligkeit zum Rücktritt offiziell kundgegeben und beim Schluß des
Landtages sogar ein Abschiedsgesuch eingereicht habe. Ob das letztere
gerade richtig ist, wissen wir nicht. Richtig ist nur, und das haben wir
früher erzählt, daß Herr v. Studt im Laufe des Winters gelegentlich dem
Ministerpräsidenten zu erkennen gegeben hatte, daß er, wenn die politische
Notwendigkeit vorläge, bereit sei, aus dem Amte zu scheiden. Er hat sich
aber den Moment, in welchem diese politische Notwendigkeit eintreten
würde, falsch gedacht, und als im Juni viel bemerkte Notizen in der
Presse erschienen, daß der Herr Kultusminister gar nicht daran denke, jetzt
zurückzutreten, sondern daß er noch verschiedene Aufgaben lösen wolle, die
bis zum Herbst oder Frühjahr daueru könnten, und als in diesen Notizen
behauptet wurde, sein Rücktritt werde keinen Systemwechsel bedeuten, da
erfolgte während der Kieler Woche durch einen Vortrag Bülows beim
Kaiser die schuelle Entscheidung und diese Entscheidung ist Herrn Studt
sehr überraschend gekommen. Darüber besteht gar kein Zweifel. Er sowohl
wie Graf Posadowsky haben den Besuch des tags zuvor aus Kiel
zurückgekehrten Herrn v. Lucanus am gleichen Tage empfangen, haben durch
diesen Besuch erfahren, daß die politische Notwendigkeit ihres Rücktritts
eingetreten sei, und haben am Abend desselben Tages durch die offiziöse