Volltext : Der König Friedrich II. von Preussen und die deutsche Nation.

188

hat  in  mir  den  Berlust  aller  meiner  Freunde  erneuert,  besonders
desjenigen,  der  sie  mir  geschenkt  hatte.  Ich  schäme  mich,  daß  ein
Hund  meine  Seele  so  in  Aufregung  bringt;  aber  die  Sitz-Lebensart,
  welche  ich  führe,  und  die  Treue  dieses  Thieres  hatten  mich  so
an  dasselbe  gefesselt,  seine  Leiden  mich  so  gerührt,  daß,  ich  gestehe
es,  ich  darüber  traurig  und  betrübt  bin.  Muß  man  hart,  muß
man  gefühllos  sein?  Ich  glaube,  daß  ein  Mensch,  der  gleichgültig
ist  gegen  ein  treues  Thier,  auch  nicht  gegen  seines  Gleichen  erkenntlich
  sein  werde,  und  daß,  wo  man  die  Wahl  hat,  es  besser
ist  gefühlvoll  als  hart  zu  sein.  Sie  sehen,  liebe  Schwester,  wie
ich  der  Sophist  meiner  Leidenschaft  bin,  und  wie  ich  mir  selbst
meine  Schwächen  verhehle.  Es  bedarf  nur  einer  Kleinigkeit,  um
unsere  Vernunft  in  Unordnung  zu  bringen,  und  das  Gefühl  in
uns  ist  immer  stärker,  als  der  beste  Syllogismus.  Kurz  man
kann  sich  nicht  in  eine  andere  Form  gießen,  und  selbst,  wenn  man
dahin  gelangte  eine  Leidenschaft  zu  löschen:  so  würde  sofort  eine
andere  die  Stelle  einnehmen.  Ich  lese  jetzt  die  Gedanken  des
Kaisers  Marcus  Antonius.“

Zur  selben  Zeit  entwickelt  dieser  König  persönlich  eine  rastlose,
  eine  ungeheuere  Thätigkeit.  So  seltsam  sein  Wort  ist  die
Seele  seines  Staates,  eine  Art  Vizegott  auf  Erden  sein  zu  wollen:
es  ist  unverkennbar  sein  Bestreben  es  zur  Wahrheit  zu  machen.
Sein  Tag  ist  eingetheilt  vom  Morgen  bis  zum  Abend.  Er  ist
Herr  seiner  Stunden,  und  seine  Umgebung  weiß  mit  voller  Bestimmtheit
  im  Voraus,  was  der  König  thun  wird  in  dieser  oder
jener  Minute  des  Tages.  Es  ist  ein  Beispiel,  wie  es  wenige
Könige  gegeben  haben,  wie  es  selbst  wenigen  andere  Mernschen,
die  kein  Maß  ihrer  Arbeit  in  sich  tragen  als  ihren  eigenen  Willen,
erreichbar  sein  kann.

Anders  vielleicht  wird  man  urtheilen  über  die  Tendenz  dieser
Autokratie.  Es  waren  nicht  bloß  die  großen  Angelegenheiten  des
Staates,  die  der  Arbeit  des  Königs  unterlagen,  nicht  bloß  seine