Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

120  Beutsches  Reich.  (Februar  14.—17.)

ihre  Pflicht  in  der  Versorgung  der  Städte  mit  Lebensmitteln  nicht  getan.
Das  zeigen  mit  voller  Deutlichkeit  verschiedene  sehr  energische  Erlasse  von
Landräten  an  ihre  Kreise.  Die  Beamtenstellen  dürfen  nur  nach  der  Tüchtigkeit
  besetzt  werden.  Ebenso  wie  den  Katholiken  muß  man  auch  den  Juden
entgegenkommen,  die  in  der  höheren  Verwaltung  überhaupt  nicht  vertreten
sind.  Eine  Reform  des  Herrenhauses  ist  notwendig,  auch  Arbeiter  sollten
darin  vertreten  sein.  Das  Ernennungsrecht  des  Königs  wünschen  wir  aber
nicht  zu  beschränken,  da  es  das  einzige  Mittel  ist,  um  zu  große  Gegensätze
zwischen  dem  Abgeordneten-  und  dem  Herrenhaus  auszugleichen.  Die  Notwendigkeit
  des  allgemeinen,  gleichen  und  direkten  Wahlrechtes  in  Preußen  ist
in  dieser  Zeit,  wb  alle  draußen  in  gleicher  Weise  kämpfen,  unabweisbar.  Die
Wahlreform  muß  vor  den  nächsten  Wahlen  kommen.  Unsere  heldenhaften
  Kämpfer  erwarten  keine  Belohnung,  aber  wir  dürfen  sie  auch  nicht
durch  Klasseneinteilung  entrechten.  Kommt  die  Wahlreform  nicht  bald,  so
wird  eine  große  Verdrossenheit  die  Folge  sein.  Ein  gerechtes  preuß.  Wahlrecht
  wird  Deutschland  in  der  Welt  moralische  Eroberungen  machen  lassen.
16.  Febr.  —  Abg.  Dr.  Bredt-Marburg  (Freik.):  Was  der  Abg.  Leinert
gestern  als  Kriegs-  und  Friedensziele  der  Soz.  entwickelt  hat,  darf  nicht
unwidersprochen  bleiben.  Alles,  was  wir  militärisch  erworben  haben  und
was  dazu  dient,  unsere  militärische  Lage  für  die  Zukunft  zu  sichern,  muß
fest  in  unserer  Hand  bleiben.  Verlangen  unsere  Feinde,  daß  wir  eroberte
Gebiete  herausgeben,  so  müssen  sie  uns  dafür  entschädigen.  Ich  habe  auch
das  Vertrauen  zur  Regierung,  daß  sie  keinen  anderen  Frieden  machen  wird.
Dann  können  wir  ruhig  an  die  Reform  des  Wahlrechtes  herangehen.
Abg.  Paul  Hoffmann  (Soz.  Arb.):  Dem  Dank  an  die  Polizeibeamten
  können  wir  uns  nicht  anschließen.  Ich  erinnere  nur  daran,  in  wie
brutaler  Weise  die  Polizei  gegen  friedliche  Demonstranten  vorgegangen  ist.
Das  schroffe  Vorgehen  der  Polizei  anläßlich  der  Verhaftung  des  Genossen
Liebknecht  hat  zu  großen  Arbeitsniederlegungen  geführt.  Um  dem  in  Zukunft
  vorzubengen,  hat  man  offenbar  das  Hilfsdienstgesetz  eingeführt.
Auch  dazu  wird  der  behördliche  Apparat  vielfach  benutzt,  um  die  Arbeitslöhne
  zu  drücken,  indem  man  den  Arbeitern  mit  dem  Schützengraben  droht,
wenn  sie  kündigen.  Die  Versammlungen  der  oppositionellen  Parteien
werden  ständig  verboten.  Was  nützen  da  die  Worte  von  Gerechtigkeit.
Gegenüber  der  Zensur  ist  die  oppositionelle  Presse  geradezu  wehrlos.  Durch
Zensur  und  Belagerungszustand  verhindern  Sie,  daß  das  Volk  die  Wahrheit
  erfährt,  wozu  der  Krieg  dient  und  wem  er  nützt.  Von  der  Neuorientierung
  wird  immer  nur  geredet,  an  den  Taten  hat  sich  noch  nichts
geändert.  Auch  den  Geheimfonds  zur  Unterhaltung  von  Geheimspitzeln,  die
auf  die  Arbeiterschaft  losgelassen  werden,  hat  man  im  Etat  wieder  aufrechterhalten.
  In  Memel  befindet  sich  z.  B.  ein  chemaliger  Zuchthäusler  im
Dienste  der  Geheimpolizei.  Nicht  etwa  ein  Zuchthäusler  wie  mein  Fraktionsfreund
  Dr.  Liebknecht,  der  durch  das  ungeheuerliche  brutale  Gerichtsurteil
hierzu  gestempelt  wurde.  (Vizepräs.  Dr.  v.  Krause  ruft  den  Redner  zur
Ordnung.)  Im  Herzen  des  proletarischen  Volkes  bleibt  Liebknecht  trotzdem
der  Ehrenmann.  Die  Tüchtigkeit  der  Frauen  im  Kriege  erkennt  man  fortgesetzt
  an.  Trotzdem  verweigert  man  ihnen  alle  politischen  Rechte!  Daß
die  Rechte  von  dem  gleichen  Wahlrecht  nichts  wissen  will,  ist  klar,  denn
das  ungleiche  Wahlrecht  bietet  ihr  die  größten  Vorteile.  Wir  fordern,  daß
dem  Kriege  so  schnell  wic  möglich  ein  Ende  gemacht  wird  in  einer  Weise,
daß  kein  Volk  gedemütigt  wird.  An  der  Wahlrefrom  arbeitet  die  Regierung
  angeblich  schon  neun  Jahre  im  Schweiße  ihres  Angesichts,  das  wird
ja  was  Schönes  werden.  Wir  vermuten,  daß  die  Vorlage  längst  fertig  ist
und  nur  zurückgestellt  wird,  um  den  Burgfrieden  nicht  zu  stören.  Die  Ge-