290 VIII. Außenpolitik und Stellung der Kriegführung zu den Friedensfragen.
verlangte, daß die O. H. L. jetzt eingriff. Es bedurfte vieler Rede—
kunst und der Zusicherung, daß die O. H. L. keine weitergehen—
den Pläne verfolge, bis der Reichskanzler dem Abbruch des
Waffenstillstandes mit Rußland am 18. Februar mittags zu—
stimmte'). Der Reichskanzler war durch seine eigene Anschauung
vom Kriege und durch die linken Parteien gehemmt, die die Gefahr
des Bolschewismus trotz seinem inzwischen klar geoffenbarten revo—
lutionären Wirken nicht erkannten, sondern ihn zum Teil mit Wohlwollen
und als Verbündeten betrachteten. Der Druck der linken
Parteien war so stark, daß der Staatssekretär des Auswärtigen
Amtes sich gegen den Wiederbeginn der Feindseligkeiten aussprach.
So sehr beherrschte innerpolitisches Denken unsere ganzen Ver—
hältnisse.
Der kurze Stoß warf die bolschewistische Front über den
Haufen. Lenin mußte Anfang März Frieden schließen, genau so
wie die O. H. L. es vorausgesagt hatte und wie es bei zielbewußtem
Auftreten des Reichskanzlers im Dezember, spätestens Anfang
Januar zu erreichen gewesen wäre.
Durch die ergebnislosen Verhandlungen war das wahre Gesicht
des Bolschewismus für die HO. H. L. deutlich geworden. Sie
stellte jetzt bestimmte Forderungen zur Sicherung im Osten, die sich
im Rahmen der Weisungen Seiner Majestät des Kaisers vom
18. Dezember hielten und zudem der neugeschaffenen Kriegslage
*) Wenn gesagt wird, der Stoß im Baltikum sei weiter gegangen, als
die O. H. L. dem Reichskanzler zugesagt hatte, und sie habe ihm Lenins
Friedensbereitschaft unterschlagen, bis Narwa gefallen sei, so ist das geschichtlich
unhaltbar. Die Truppen drangen überraschend schnell in Litauen auf Wenden
vor, das dem Reichskanzler als Ziel angegeben war. Da aber zu dieser Zeit
noch keine Bitte Lenins um Frieden vorlag, so ging der Vormarsch, und zwar
mit Zustimmung des Reichskanzlers, weiter. Dieser erfuhr auch sofort den
Eingang des Friedensangebots der Bolschewisten und stimmte der Absicht
zu, die Heeresbewegungen so lange fortzusetzen, bis die Bolschewisten den Frieden
unterzeichnet hätten. Es gelang noch bis dahin, Narwa zu nehmen und den
Peipus-See zu erreichen. Das war eine Notwendigkeit. Der See mußte in
die Linie der Dauerstellung einbezogen werden, um Kräfte zu sparen. Die Kriegführung
hat an keiner Stelle die Politik hintergangen.